Elisabeth von Samsonow

Spielarten des Überspringens einer Grenze
Zum Zschadrasser Museumsprojekt von christoph mayer chm.

Es ist vielleicht weniger der Umstand, daß in Zschadraß ein Museum existiert, welches auf seine Geschichte aufmerksam machen soll, als die Art, wie dieses Museum ausgefallen ist, welche einen Kommentar verdient. Natürlich ist es überhaupt ungewöhnlich, daß eine Einrichtung wie Zschadraß sich in einer musealen Spiegelung selbst thematisiert: Es werden wenige Institutionen sein, die ihren Betrieb in engster Nachbarschaft zu einem Museum der eigenen Vergangenheit einrichten, jedenfalls wenige medizinische Institutionen. Diejenigen, die ein Museum haben, haben sich in den meisten Fällen tatsächlich in dieses Museum verwandelt, weil sie aufgehört haben, eine lebendige Institution zu sein. Was sie in musealer Form vorführen, ist dann genau die historische Spanne ihrer vergangenen Bedeutung: Ein Beispiel ist das Wiener Josephinum, das eine großartige medizinhistorische Sammlung beherbergt. Da ist das Museum der klassische Gefrierschrank (das Gegenstück zur Bibliothek), der buchstäblich die konservierten Kadaver vorzeigt: in diesem Fall anatomische Präparate, Artefakte aus einer historisch gewordenen, überholten Strategie des Sichtbarmachens des Körperinneren.

Nun ging es aber darum, für das Zschadrasser Museum ein Konzept auf der Höhe der Zeit zu entwickeln, und damit ist zweierlei gemeint: Erstens die Interferenzen, die die Ortsgeschichte - auch als Medizingeschichte - mit einer lebendigen Praxis immer aufweist, zur Kenntnis zu nehmen, und zweitens eine Antwort auf die Versuche Michel Foucaults zu formulieren, „in der Geschichte jenen Punkt Null der Geschichte des Wahnsinns wiederzufinden, an dem der Wahnsinn noch undifferenzierte Erfahrung, noch nicht durch eine Trennung gespaltene Erfahrung ist.[1] Foucault hatte die „gnadenlose Sprache des Nicht-Wahnsinns“ zu beschreiben unternommen, die „Haltung überlegener Vernunft (...), die ihren Nachbarn einsperrt“[2], und damit die Kontingenz, also die geschichtliche Bedingtheit, der Grenzverläufe zwischen Wahnsinn und Normalität herausgestellt: Was für eine Gesellschaft „verrückt“ ist und was nicht - das kann sehr unterschiedlich und sogar widersprüchlich sein [3].

Das Zschadrasser Museumsprojekt fiel aus diesen Gründen so ganz anders aus; es ist ein künstlerisches Projekt geworden, wobei anzumerken ist, daß die zeitgenössische Kunst sich nicht erst seit der Kasseler Documenta von Okwui Enwezor des Problems einer Konstruktion der Gesellschaft, die sich in Einbezogene und Ausgegrenzte teilt, annimmt. Christoph mayer chm. operiert gewissermaßen genau auf dieser Ebene, wo die Kunst, wie Niklas Luhmann sagte, die „Kunst der Gesellschaft“ ist, nämlich auf jener Ebene eines unabgeschlossenen Prozesses, in dem eine Gesellschaft ihre (Selbst)Erfindungen macht und untersucht. Die künstlerische Geste garantiert geradezu, daß man, wie Foucault dies für die Geschichte des Wahnsinns einforderte, „auf den Vorteil endgültiger Wahrheiten verzichtet“ [4] , sie steht für Liminalität, für eine Schwellenaktivität (ein Museum im Zwischenraum, im Durchgang, zwischen zwei blauen Türen), die ein Verstehen wieder heiß macht, die die Frage vor die Antwort stellt.

Die ausgestellten Objekte sind nicht einer sie neutralisierenden, „objektivierenden“ Struktur (Ausstellungsarchitektur, Vitrinen, Schautafeln) untergeordnet, sondern entfalten ein Eigenleben in Installationen, in Environments, die ein Tableau von Gedanken und Empfindungen aufrufen, eine Ästhetik des Klinischen rekonstruieren: Was war das Zschadrasser Gefühl? Inwiefern läßt sich dieses Gefühl im Zentrum unserer Intuition in Bezug auf ein stets gefährdetes, weil hochkomplexes Wahrnehmungsmodell der Welt (Gehirn) darstellen? Die von Christoph Mayer gestalteten Räume sind vielmehr Fragen als Antworten, die sich bemühen, ebenso objektiv zu erscheinen wie vorgezeigte Gegenstände. Die verwendeten Farben, die Installationen der einzelnen Räume, die Behutsamkeit, mit der die historischen Gegenstände dem Besucher entgegengehalten werden, all dies macht das Zschadrasser Museum zu einem Ort der Einkehr, zu einem meditativen Raum. Man hört, nachdem man vorsichtig die Schränke des ersten Raumes geöffnet hat (Radio Zschadraß, das Sprachrohr des genius loci) in einem weiteren Raum Stimmen, während man sich der sanften Bewegung von hängenden Stühlen überläßt (passivisiert), Stimmen, die von der Erfahrung der Psychiatrisierung sprechen, Berichte, Interviews. Christoph Mayer lässt keine Gelegenheit aus, den Besucher als Partner zu engagieren, als Gegenüber, als Gemeinten, der mit seiner Meinung kam. Und die er nun revidieren, differenzieren muß. Denn was er in den bequemen, schwach leuchtenden Hängesesseln hört, ist eine Rede von lebendigen Stimmen, die so nah klingen, nachbarschaftlich, wie von jemandem, den man kennt. Es wird die Zerbrechlichkeit der menschlichen Identität deutlich, wie sie abhängt von so Vielem, wie man versucht, sie zu definieren, zu messen, wiederzufinden. Man beginnt zu spüren, wie diese Dinge Werkzeuge einer Zuständlichkeit werden, und dass die Art und Weise, wie Menschen versuchen, ihresgleichen zu therapieren, die wichtigsten Auskünfte über ihr Selbstverständnis enthält. Das Medium der Installation als künstlerische Ausdrucksform ist besonders geeignet, diese anderen Dimensionen der Alltäglichkeit zu enthüllen: Die gegenständlichen Arrangements werden als affektive Chiffren lesbar. Wenn die Objekte nicht „objektiviert“ sind - das ist die Lehre aus diesem Museumsexperiment - , dann sind es auch die mit ihnen auratisch verbunden vorgestellten Menschen nicht. Das Zeug, die Hinterlassenschaft: die Kästen, die Zwangsjacke, die Untersuchungsliege, die Leuchtkästen - sie sind nicht kalt, erstarrt im Licht der überlegenen Vernünftigkeit einer über sie hinausgegangenen Geschichte, sondern warm, in statu inveniendi (im Zustand ihrer Erfindung) erfaßt, in ein avantgardistisches Bühnenbild integriert. Die Objekte sind nicht mehr die kalten Marterwerkzeuge einer degradierenden Operation des Patienten-Machens, sondern die Wunderdinge einer sinnenden Phantasie, die zu entdeckende Kontinente der Mentalität auszustatten beginnt, um sie zu begreifen und zu therapieren. Anhand der künstlerisch verfassten Lehre in die Welt der anderen Wahrnehmung beginnt man, die Geringfügigkeit der Abstände zwischen den einzelnen Wahrnehmungssystemen wahrzunehmen. Man versteht im Spiegelraum, im unendlichen Gehirn, welchen Grad an Komplexität und konstruktiver Verwirrbarkeit Wahrnehmungen notwendig immer erzeugen. Weit davon entfernt, in der gewissen künstlerischen Auratisierung der Objekte die Praktiken retrospektiv zu verherrlichen, dient diese dem einzigen Zweck, die Menschen, die sich ihnen unterziehen haben müssen, dem elenden Ort noch hinter diesen Objekten zu entziehen: Sie erhalten ihre eigene Sprache zurück, indem man sich, inmitten der Zschadrasser Installationen von Christoph Mayer chm., wundern darf.

1 Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Die Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft (Paris 1961), Frankfurt/Main, 1996, S.7
2 ebda.
3 „Man könnte die Geschichte der Grenzen schreiben - dieser obskuren Gesten, die, sobald sie ausgeführt, notwendigerweise schon wieder vergessen sind, - mit denen die Kultur etwas zurückweist, was für sie außerhalb liegt; und während dieser ganzen Geschichte sagt diese geschaffene Leere, dieser freie Raum, durch den sie sich isoliert, ganz genau so viel über sie aus wie über ihre Werte (...)“, ebda., S.9
4 ebda., S.7

 

 

 

 

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