Bärbel Behne, Freundeskreis des Kunst + Museumsprojekts Zschadraß

Konnten Sie sich am Anfang, als noch kein Modell und kein Konzept des Kunst + Museumsprojekts existierte, irgendeine Vorstellung machen von dem, was hier entstehen soll?

Die Vorstellung für ein Museum war hier insgesamt etwas anders. Ich rede jetzt mal so von der Bevölkerungsmeinung. Für ein Kunstprojekt fehlte einfach die Vorstellungskraft. Ich war ja von Anfang an involviert und konnte mir das beizeiten schon recht gut vorstellen. Aber für die Bevölkerung hier war es ein bisschen exotisch.

Wie ist das jetzt für die Menschen hier in der Region?

Die ältere Bevölkerung aus der Region kann damit schlecht umgehen. In unseren Gefilden ist es ja so, dass viele ihr Leben in der Arbeit verbracht haben und wenn sie das jetzt so sehen, können sie sich schlecht damit identifizieren. Sie haben etwas anderes erwartet. Aber für die Leute, die es als Kunstprojekt angenommen haben, und was jetzt über die Medien verbreitet worden ist, da muss ich sagen, dass es positiv aufgenommen wurde und dass viele eben überrascht sind, was hier entstanden ist.

Und was sind da so Reaktionen von Besuchern?

Sie gehen nach dem Besuch auf eine gewisse Art „mit sich selber ins Gericht“, das heißt, sie verstehen, wie schmal der Grat ist zwischen normal und krank. Manche bleiben lange im dunklen Raum und hören sich die Gespräche der verschiedenen Patienten an und gehen dann ehrlich mit sich selbst um und sagen: Mensch verdammt, eigentlich hast du davon auch schon einen Teil selber erlebt. Und finden das sehr gut.

Glauben Sie, dass ein konventioneller Museumsgestalter ein besseres Ergebnis erzielt hätte?

Nein. Ich muss die Leute darauf aufmerksam machen, dass das eben ein Kunstprojekt ist und wer es unter dem Gesichtspunkt betritt, der versteht es auch so.

 

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Dieter Lawonn, Freundeskreis des Kunst + Museumsprojekts

Was fand in der Ausstellung Ihr größtes Interesse?

Primär war es die Neugierde, was ein Museum über Zschadraß berichten kann. Am Anfang war ich skeptisch, dann aber sehr angetan. Viele meiner Angehörigen, mit denen ich hier war, wollten noch einmal kommen. Meine Frau war von dem Raum mit den Stimmen sehr angezogen. Das war so faszinierend und traurig zugleich, man konnte neue Erkenntnisse gewinnen. Das ist eigentlich Klasse, was ich da mit meinen Leuten erlebt habe. Ich persönlich war sehr überrascht über diese Kombination von Kunst und Museum. Das hat mir irgendwie gefallen. Und wenn da jemand sagt, dass über Zschadraß nichts berichtet wird, das finde ich eigentlich nicht so. Ich sage den Leuten, ihr müsst aufnehmen, was im Flur auf dem Strich steht und dann könnt ihr in die Ausstellung gehen. Meiner Meinung nach haben Sie sich mit der Materie sehr gut auseinandergesetzt.

Fühlen Sie Ihren Ort in der Ausstellung verstanden?

Ja, ich würde sagen ja. Speziell im ersten Raum. Und die Gerätschaften im zweiten Raum haben eine enge Beziehung zum ersten Raum. Wenn Sie eine reine Heimatgeschichte von Zschadraß gemacht hätten, das interessiert niemanden, das ist zu speziell.
Ich muss außerdem sagen, dass ich Künstlern gegenüber sehr skeptisch bin, weil sie meistens sehr überheblich sind. Ich weiß zwar nicht, was in Ihrem Innersten vorgeht, aber Sie sind nicht einer, der uns „Nicht –Künstlern“ zu verstehen gibt, wir hätten keine Ahnung. Wenn man nach einer Theatervorführung in einer Diskussion etwas sagt, dann bekommt man meist das Gefühl vermittelt, keine Ahnung zu haben. Hab ich auch nicht.

Einige Mitarbeiter des Krankenhauses haben befürchtet, dass die Patienten noch mehr stigmatisiert werden, wenn ihre Geschichten in einem „schwarzen“ Raum laufen.

Wenn man dann dort sitzt und zuhört, solche Gespräche habe ich auch noch nie bewusst gehört, obwohl ich in Zschadraß groß geworden bin, Patienten kannte und auch nette und hübsche Episoden erlebt habe. Aber diese Gespräche berichten mehr über Diagnose und Therapie und wie diese Menschen sich selber sehen, auf sehr intensive Art und Weise. Das ist faszinierend, traurig und erschütternd. Und dann der Weg aus diesem dunklen Raum in den Spiegelraum. Das ist fast wie eine Erlösung, aber ich spürte auch Angst. Wenn man da raus schreitet, denkt man, man fällt plötzlich runter, rein optisch.

Hat sich durch die Ausstellung an Ihrer Sicht auf Psychiatrie etwas verändert?

Nein, weil ich so eine Einstellung hatte. Wir sind in Zschadraß groß geworden, da gab es noch Kolonnen, so genannte Hofkolonnen, wo 8 oder 10 psychiatrische Patienten mit einem Pfleger einen Wagen gezogen haben. Das klingt furchtbar, wenn man das heute sagt, ich habe es damals aber nicht so empfunden. Beim Fußballspielen, da standen sie am Rand. Wir als Kinder konnten und können auch heute noch nicht über Witze mit psychiatrischen Patienten lachen. Das ist einfach nicht drin.

Wie sehen Sie die Zukunft des Projekts? Wie glauben Sie, wird es weitergehen?

Ich habe gesagt, ich stehe dazu, nach einer gewissen Voranmeldung Führungen durch das Museum zu machen. Aber wie man an die Öffentlichkeit treten soll und das bekannt macht, das weiß ich nicht. Ich frag mich auch, wie das ging: Die meisten Leute, die da kommen, haben mit Kunst ja nichts zu tun. Das sind ja ganz normale Bürger, die da kommen.
Nach dem letzten Rundgang mit dem Freundeskreis bat ich darum, Gedanken, die man bezüglich der Ausstellung hat, aufzuschreiben, um sie zu sammeln und eine Art Aufschlüsselung zu machen. Ich bekam nur von drei Leuten etwas zurück. Das hat mich ein bisschen pessimistisch gestimmt.

 

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Tino Stenzel, Verein Ländliches Leben e.V.

Warum haben Sie sich so sehr für das Projekt eingesetzt?

Ich bin zweiter Vorsitzender des Vereins „Ländliches Leben“ und mit unseren Statuten haben wir uns u. a. auch die Förderung von Kultur auf die Fahnen geschrieben. Außerdem hat es mich fasziniert, so ein Projekt mit jemandem, der tiefer in der Materie steckt und Kunst studiert hat, gemeinsam zu realisieren.

Wie war für Sie die Zusammenarbeit mit jemandem aus der Materie?

Dass Künstler eine andere Ansatzweise oder eine andere Denkweise haben, war mir von Anfang an klar. Ich habe versucht zu vermitteln, denn es gab ja immer wieder Leute, die gesagt haben, der soll mal nicht rumspinnen oder zu hoch fliegen, das geht auch so und so. Sehr angenehm fand ich, dass Sie trotz künstlerischer Ausbildung handwerklich geschickt an diese Sache herangegangen sind. Die Zusammenarbeit insgesamt fand ich eigentlich sehr angenehm. Es konnten auch andere Dinge besprochen werden, auch wenn Sie auf Ihre künstlerische Aufgabe konzentriert waren, haben Sie das Drumherum nicht vergessen. Ein Künstler ist auch nur Bestandteil seines Umfeldes.

 

 

 

 

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