Interview mit christoph mayer chm.

Warum hast du dich auf ein Projekt mit Menschen eingelassen, die so weit ab vom Schuss leben?

Mir wurde als Kind immer vermittelt, Kunst sei rausgeworfenes Geld. Niemand hat etwas davon, niemand versteht das. Dieser landläufigen Meinung musste ich mich in dem Umfeld, in dem dieses Projekt stattfand, stellen. Das habe ich mit Neugier und Abenteuerlust getan.

Gab es noch andere Beweggründe, dass Sie gesagt haben, ich verschreib mich erstmal dieser Sache? Es ist ja so, dass Sie dadurch sicher nicht reich geworden sind.

In dem Projekt geht es um eine sehr interessante Geschichte und es sollte an dem Ort realisiert werden, an dem diese Geschichte passiert ist. Psychiatrie und viele damit verbundene Themen haben mich schon lange fasziniert. Es gab bereits fünf Räume im Verwaltungsgebäude der Klinik, die für ein Museum reserviert waren. Das bedeutete, dieses Projekt konnte mitten im Leben dieses Krankenhauses stattfinden. Das fand ich wunderbar!

Wie haben Sie sich vorbereitet und wie wurde gearbeitet?

Ich habe einige Zeit vor Ort gelebt, um die jetzige Situation und die Menschen kennen zu lernen. Ich habe auf einer Station mit Patienten gearbeitet, recherchiert und mich mit der Geschichte vertraut gemacht.
Mir wurde bald klar, dass ich als Künstler allein Themen wie Psychiatrie, Psychiatriegeschichte, Gehirn... nicht seriös genug bearbeiten kann und so habe ich nach Partnern gesucht. Ich konnte meinen langjährigen Freund, den Neurowissenschaftler Sein Schmidt und Susanne Hahn, eine Medizinhistorikerin und Ärztin, die lange Jahre am Hygienemuseum in Dresden Ausstellungen gemacht hat, gewinnen, am Projekt mitzuarbeiten. Dr. Reuter, der Chefarzt der Neurologie in Zschadraß und die Psychiaterin Frau Dr. Hölzer kamen immer wieder vorbei, um Ideen auszutauschen und zu prüfen. Generell versuchte ich, dafür offen zu sein, die Menschen aus dem Umfeld in die Entstehung der Ideen miteinzubeziehen.

Ein Jahr später, bei der Realisierung, haben viele Leute mehr oder weniger ehrenamtlich mitgearbeitet, deren Hilfe für das Projekt unersetzlich war. Es gab ein Team mit Organisatorinnen, wissenschaftlichen Beratern, Pressesprecherin, Werbern, Technikern und vielen, die uns immer wieder unterstützt haben. Luise Zimmermann, meiner Freundin Clava und unserem Sohn Artemi möchte ich einen ganz großen Dank aussprechen für die großartige Arbeit unter den schwierigen Bedingungen während der Monate, in denen wir vor Ort gelebt haben!
Der Verein Ländliches Leben hat uns vier Leute zum Aufbau zur Verfügung gestellt, die Handwerker des Krankenhauses haben den Großteil der technischen Arbeiten getan. Der Bürgermeister hat uns immer wieder mental und tatkräftig unterstützt, seine Leute vom Bauhof geschickt, uns Ortseingangsschilder für die Werbung aufgestellt...
Es gab insgesamt eine sehr breit gefächerte Unterstützung für das Projekt.

Für die meisten Menschen ist es schwer vorstellbar, wie letztendlich eine künstlerische Idee entsteht. Kannst du das vielleicht beschreiben?

Hier in Zschadraß war es so, dass ich sofort viele Ideen im Kopf hatte, als mir die Räume und einige der Exponate gezeigt wurden. Das Wort „einfallen“ bezeichnet das sehr gut. Es kommt einfach, baut aber auf den Arbeiten, den Erfahrungen, die ich schon gemacht habe, auf. Zum Beispiel hatte ich schon damals die Idee für einen Raum, in dem man nichts sieht und nur Stimmen der Patienten hört. Bei einem der ersten Gespräche mit Ludmila Mischke, der Leiterin der Abteilung Kultur, die es damals noch gab, hatte ich meine Ideen für alle Räume auf eine Papierserviette gezeichnet. Aber das hat sich sehr stark gewandelt. Ich musste für diese Arbeit ungeheuer viel lesen und lernen, um das Gefühl zu haben, einigermaßen mit der Materie vertraut zu sein. Während der Vorbereitungen schreibe ich viel in mein Tagebuch. Ideen, die mir im ersten Moment nicht so wichtig erscheinen, kann ich dann später wieder herausholen.
Es ist für mich sehr wichtig, mit den Räumen, in denen das Projekt stattfindet, vertraut zu sein. Ich hab dort eine Nacht geschlafen, alleine in diesem Verwaltungsgebäude. Ich sitze da und sehe mir die Räume, die Exponate einfach nur an. Bin still. Da möchte ich auch nicht gestört werden. Und dann kommt oft eine Idee, meist ein Bild, das ich vor mir sehe. Das zeichne ich auf und denke weiter.
Hier in Zschadraß war der Entstehungsprozess sehr komplex. Ich habe ja versucht, mit Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten. Immer wieder ihre Meinung erfragt. Sie nach ihren Bildern, die sie z. B. zu „Gehirn“ haben, gefragt. Die Idee weiterentwickelt. Gezeigt. Abgeändert. Ich habe die Ergebnisse dann Menschen gezeigt, die mir nahe stehen, deren Gefühl für die Sache ich vertraue. Das gibt dann neue Ideen oder Bestätigung. Wirklich schwierig war für mich der Anspruch, für „einfache“ Menschen, Leute vor Ort, verständlich zu arbeiten, dazu den Anspruch eines Geschichtsmuseums nicht ganz zu verlassen. Das ist mir immer wie eine unglaubliche Pein im Nacken gesessen. Das hat mich blockiert, damit habe ich gekämpft. Aber ich glaube, dass das nicht nur negativ war, sondern mir dieses Leiden, diese Auseinandersetzung auch neue Impulse gegeben hat.

In deinem Konzept sprichst du u. a. von einer intuitiven, fast traumartigen Herangehensweise... gab es vielleicht einen speziellen Traum, der dich bei dieser Arbeit beeinflusst hat?

Ich hatte in einem Traum gesehen, dass die Backsteingebäude der Klinik abgebrannt waren und als schwarze Hüllen dastanden. Wie Verletzte waren diese Körper mit riesigen weißen Bandagen eingewickelt.
Das hatte für mich mit der aktuellen Situation zu tun. Die Gebäude sind noch da, aber vieles kann nicht mehr gepflegt werden, steht leer und verfällt. Die Haut der Häuser bröckelt ab und für das Innere gibt es noch so viele Erinnerungen der Menschen, die hier gearbeitet haben. Viele schöne Erinnerungen.

Gab es für dich einen Zeitpunkt, an dem du die künstlerische Konzeption für abgeschlossen betrachtet hast, d.h. dir sicher warst, so wird das jetzt gebaut?

Drei Stunden vor der Eröffnung. In der Nacht davor bin ich immer wieder aufgewacht mit einem Gedanken, dass ich im letzten Raum noch eine Sache ändern muss. Die Ideen waren bis zum letzten Tag noch ziemlich in Bewegung, aber danach war alles, was mit der Ausstellung in den Räumen zu tun hatte, fertig und für mich abgeschlossen. Das ist mit einem Gefühl der Zufriedenheit verbunden.

Du bist an extremen Erfahrungen interessiert. Wärst du gern eine Zeitlang verrückt?

Ja, für ein Jahr.

Was sind die zartesten Momente im Kunst + Museumsprojekt Zschadraß?

Ich glaube, das ist hier im zweiten Raum, mit dem weißen Licht, den medizinischen Darstellungen, den Liegen, den Fragen. Hier ist für mich die weiteste Gedankenentwicklung möglich... durch die Fragen, die sich da stellen: Wie man mit Leben umgeht, wie man sich selbst sieht, wie das Selbst mit einem umgeht. Dieser Raum mit seinen drei Spiegelungen kann sich in Verbindung zum Körper des Besuchers setzen. Man muss sehr sensibel sein, um das erfassen zu können. In vielen der anderen Räume sind stärkere Reize, die die Menschen mitnehmen können.

Sie haben sich entschieden, die Idee für die Geschichte des Hochstaplers Postel fallen zu lassen? War das nicht Zensur, der Sie sich da untergeordnet haben?

Ich wollte Gert Postel, den Postboten und Hochstapler, der Ende der 90er Jahre hier als Oberarzt gearbeitet hat, einladen, seine Sicht der Dinge in einem Teil der alten Postfächer im Flur darzustellen. Einige Leute aus der Belegschaft sollten ihre Sicht in einem anderen Teil der Fächer zeigen. Die Leute hier waren aber so verschlossen, haben sich so dagegen gewehrt, dass ich generell auf ihre Unterstützung des Kunst + Museumsprojekts hätte verzichten müssen. Das Projekt ist aber darauf angewiesen, von den Leuten vor Ort mitgetragen zu werden.
Ich habe da innerlich sehr mit mir gekämpft. Bis heute ist das ein wunder Punkt meinen eigenen Ansprüchen gegenüber. Aber ich bin diesen Kompromiss, dass Postel ausschließlich im Diskussionsraum in Form von Dokumenten vorkommt, bewusst eingegangen.

Bei den ersten Führungen, die Sie durch das Museum gemacht haben, fühlten Sie sich da von den einfachen Menschen verstanden?

Es ist ganz selten, dass da ein sofortiges Verständnis ist, eine Atmosphäre, in der man sich rückhaltlos, ohne Scheu und aufrichtig bewegen kann. Es ist eher so, als versperre ein Block die freie Sicht aufeinander. Es kamen zwar immer wieder Leute aus der Ausstellung, die total begeistert waren, aber ein richtiger Austausch mit ihnen über die künstlerische Arbeit, das hat sich nicht ergeben. Vielleicht fehlen da einfach die Worte oder es gibt eben manchmal einfach keine gemeinsame Ebene?

Hat sich dein Blick auf die Menschen und die Region - im Verhältnis zum Anfang - verändert?

Es ist aus einem fernen exotischen Ort, an dem ich mir fast wie ein Außerirdischer vorkam, ein Ort geworden, der in mir präsent und irgendwie Teil von mir ist.
Ich bin mit sehr viel Energie und dem Plan gekommen, viele Themen, die mit Psychiatrie und Zschadraß verbunden sind, zusammen mit den Leuten vor Ort zu bearbeiten. Ich musste aber bei denen, die nicht unmittelbar an dem Projekt beteiligt waren, oft feststellen, dass einem die Hände gebunden sind, weil schlicht kein Interesse besteht.
Ich dachte immer, dass es möglich sei, das Interesse der einfachen Menschen, also des Tischlers, des Schlossers ... zu wecken. Aber trotz der Bemühungen, die wir als Team gemacht haben, ist es am Ende so gewesen, dass man die Antwort bekommt, es sei einem alles so fremd wie am Anfang. Das ist sehr traurig für mich. Es gab bei vielen nicht die Bereitschaft, sich etwas Neuem oder erstmal Unverständlichem zu öffnen, oft nicht einmal kurz darüber nachzudenken oder zu fragen. Obwohl es viele Besucher gibt, die so etwas noch nicht kannten und nun hellauf begeistert, beeindruckt und betroffen sind.
Ich habe die schwierigen Arbeitsbedingungen in dieser Region erlebt und konnte nachfühlen, wie sich Menschen nicht mehr gegen Hoffnungslosigkeit und Lethargie wehren können.

Mein Blick auf die Patienten hat sich durch den direkten Kontakt verändert. Ich kannte die „Verrückten“ vor allem aus dem Zusammenhang der Bildenden Kunst, wo ihrer Phantasie ein großer Reichtum zugesagt wird, wo die Meinung vorherrscht, die Menschen kämen in die Klapse, nur weil sie nicht dem rigiden Bild der Gesellschaft entsprechen. Das Verrücktsein war manchmal viel banaler, als ich es mir vorgestellt habe, teilweise auch fad und passiv. Manchmal hatte ich den Eindruck, als ob einfach Fehler im inneren System des Patienten sind, deren Behebung für den Patienten eine erwünschte Erleichterung wäre. Ich habe, ohne jemals vorher so zu denken, dieses Anderssein dann einfach nur als Krankheit gesehen.
Ein Erlebnis, das meinen Blick sehr veränderte, ereignete sich, als ich mit einer Patientin und deren Mutter im Park saß. Als die Leute vom geschlossenen Heimbereich vorbeikamen, Menschen mit schweren geistigen Behinderungen, sagte die Mutter hinter vorgehaltener Hand: Das ist nicht recht, dass die so herumlaufen. Früher hätte man denen den Gashahn aufgedreht. Ich konnte das im ersten Moment gar nicht fassen, denn in dieser Zeit wäre auch ihre eigene Tochter getötet worden!

 

Gibt es denn Elemente in deiner Arbeit, die, salopp formuliert, massentauglich sind?

Das ist eine gute Frage... Die Auseinandersetzung mit einem Thema, das die Menschen betrifft und ein sinnliches Erlebnis in den Räumen?

Wenn es eine Bewegung für die Zeit deines Aufenthalts in Zschadraß geben würde, wie wäre die?

Es wäre die eines Schmetterlings, der hier landet, sich in einen Stier verwandelt und ständig mit seinem Körper, mit seinen Hörnern, nach vorne schiebt.

Von welcher Bedeutung ist das Fortbestehen des Projektes für dich?

Das Projekt ist als Dauerausstellung angelegt, die Teil von Zschadraß ist. Eigentlich gehen die Ideen erst dann richtig auf, wenn diese Ausstellung, dieses Projekt, einige Zeit von Zschadrassern getragen wird, Besuchern zugänglich ist und mit ihnen in Austausch tritt. Es ist mir deshalb sehr wichtig, dass die nächsten Jahre gut laufen. Nur so kann die Idee erfüllt werden.

Was würden Sie Besuchern sagen, Menschen aus der Umgebung zum Beispiel, die sich wenig mit Bildender Kunst beschäftigen, damit sie das Projekt verstehen können?

Nehmen Sie sich ein bisschen Zeit. Erwarten Sie sich nicht zu viele Informationen, die Sie in der gewohnten Art und Weise lesen können. Achten Sie auf Ihren Körper, Ihre Bewegungen im Raum, an welcher Stelle im Raum sich die Gegenstände befinden. Betrachten Sie die Räume vielleicht in der Art, wie Sie auf einen weiten Horizont am Meer blicken.

 

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Andreas Wachter, Künstler aus der Region

Als das Projekt in der Konzeptionsphase war, haben Sie mir gesagt, Sie würden in der Region oder in Zschadraß, Ihrem Nachbarort, keine Ausstellung machen, weil die Menschen dort nicht wirklich an Kunst interessiert sind. Wie sehen Sie das heute?

Die Leute hier haben keinen Bedarf nach Kunst. Für sie ist vielleicht die Bild-Zeitung und der Lidl-Prospekt genug. Sie sind so mit ihren eigenen Dingen beschäftigt, dass sie auch gar keine Offenheit dafür hätten. Und das liegt nicht an der schwierigen Situation im Osten nach der Wende. Das wäre auch sonst so. In Zeiten der DDR gab es nur insofern ein stärkeres Interesse an Kunst, als da Inhalte vermittelt wurden, die verboten waren.

Glauben Sie, dass es in dieser Hinsicht einen Unterschied in der Rezeption von Malerei und Projekten wie der Ausstellung in Zschadraß gibt?

Ja, Ihr Projekt ist an die Institution gebunden und Ihre Installationen funktionieren mehr als Museum. Wenn Sie jetzt als Künstler hier arbeiten würden und irgendwelche Räume in diesem Klinikum gestaltet hätten, einfach so und die Leute könnten das als Kunstraum besuchen, wäre das anders. Die Leute sind es nicht gewohnt, sie haben es nicht gelernt und könnten damit nicht umgehen. Ich finde es sehr schön, was hier passiert ist, ich begrüße das.

 

 

 

 

 

 

 

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