DNN, Dresdner Neueste Nachrichten, 17. / 18. Januar 2004

Kunst- und Museumsprojekt
„Psychiatrie in Zschadraß“

Rauminstallation als Dauerausstellung in Klinik der Diakonie

Der Fall des Hochstaplers Gert Postel brachte die Klinik für Neurologie und Psychiatrie in Zschadraß in die Schlagzeilen. Jetzt macht die Einrichtung, seit 1999 vom Diakoniewerk Zschadraß verwaltet, erneut von sich reden. Diesmal jedoch mit einem ungewöhnlichen Kunst- und Museumsprojekt. Dabei handelt es sich um eine Dauerausstellung, geschaffen von dem österreichischen Künstler christoph mayer. In fünf Rauminstallationen im Verwaltungsgebäude der Klinik zeige das Projekt mit dem Titel „Ort jenseits der Straße“ verschiedene Facetten des Wesens und der Geschichte der Psychiatrie, teilte die Pressesprecherin des Projektes, Claudia Grimm, mit. Im Mittelpunkt stehe dabei die Klinik, die eng mit dem Ort Zschadraß und dem Leben seiner Bewohner verbunden sei. Der Besucher wird durch fünf Räume geführt. Im ersten geht es vor allem um die Geschichte. In schwarz verkohlten Schränken, im Inneren mit leuchtenden Stoffen ausgekleidet, befinden sich beispielsweise amtliche Schreiben und Akten. Sie illustrieren die Tatsache, dass Zschadraß für psychisch Kranke im Nationalsozialismus die erste Station war auf dem Weg in die Gaskammern oder zur Zwangssterilisation. Auch historische Tondokumente sind zu hören. Ein zweiter Raum, in hellem Weiß gehalten, soll zur Reflexion über ethische und philosophische Fragen der Medizin und Psychiatrie anregen. Zu sehen sind beispielsweise Dias aus den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Den Umgang mit Irresein beleuchtet der dritte Raum. Vorgeführt wird hier eine Videoprojektion, die eine Familie beim Mittagessen zeigt. Ferner ist eine leuchtende Zwangsjacke zu sehen. Der vierte Raum ist völlig dunkel. Der Besucher findet nur von der Decke hängende Korbsessel vor. In Tonaufnahmen erzählen Patienten aus ihrem Leben, von Ihrer Kindheit und Ihren Wahnvorstellungen. Im fünften Raum schließlich ist mittels zahlreicher Spiegel das Gehirn als Metapher dargestellt. Auch schematische Darstellungen des Gehirns sind hier angeordnet. Auf dem Flur wird in mehreren Postfächern der Fall Postel dargestellt. Betroffene Bewohner des Ortes, aber auch Postel selbst präsentieren in den einzelnen Fächern ihre Sicht auf die Geschehnisse. Bei der Konzeption der Ausstellung hat Mayer, Jahrgang 1975, Meisterschüler von Rebecca Horn, mit Medizinern und Historikern zusammengearbeitet. International bekannt geworden ist er durch Performances unter anderem in Wien und Berlin. Die Entwicklung des einstigen kleinen Bauerndorfes Zschadraß zum Klinik-Standort begann 1868, als Friedrich August Hermann Voppel, Psychiater und Direktor der Landesanstalt Colditz zwei Bauerngüter in dem Ort ankaufte, um psychisch Kranke mit Arbeitstherappie in Ackerbau und Viehzucht zu beschäftigen.

Später wuchs die Heil und Pflegeanstalt schnell an. Ab 1950 nahm die Klinik auch Lungen- und Tuberkulosekranke auf. Heute umfasst die diakonische Einrichtung nur noch eine Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie mit 185 Plätzen, eine Klinik für Neurologie mit 35 Betten sowie Therapie-Stationen. Thomas Gärtner

Dakoniewerk Zschadraß (bei Colditz),
Im Park 15a. Geöffnet Mittwoch 13-17 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung unter Tel. 034381/87403

 

 

 

 

 

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