Extrablatt vom Zeitungsjungen, Ausgabe Dezember 2003

Verstörung auf dem Lande

Zschadraß (EVZ)

Zschadraß, kleiner Ort mit großer Wirkung, bringt sich nach der Aufregung um die Hochstapelein des Postbotens P. wieder in Diskussion:

Das Kunst + Museumsprojekt steht für eine einzigartige Initiative der Ortsgemeinde und des Diakoniewerks Zschadraß. Der international arbeitende Künstler christoph mayer chm. (Schüler von Pistoletto und Rebecca Horn) wurde eingeladen, in Kooperation mit Medizinern und Geschichtsexperten ein ungewöhnliches Museum zu verwirklichen. Ausgehend von der speziellen Entwicklung der Klinik, die eng mit dem Ort Zschadraß und den Lebensläufen seiner Menschen verwoben ist, konzentriert sich das Projekt auf die Geschichte und das Wesen von Medizin, insbesondere Psychiatrie.

Die Besucher werden in den fünf Rauminstallationen der Ausstellung mit einer freien, künstlerischen Sichtweise konfrontiert. Historische Exponate, alte Fotografien und Dias, Textdokumente und Interviews von Psychiatriepatienten dienen dem Künstler als Arbeitsmaterial. Dabei geht es nicht nur um eine 1:1 Rekonstruktion von Ereignissen, sondern auch darum, Formen, Bilder und Bewegungen im Raum zu finden, die vergangenen Wirklichkeiten, Bedeutungen und gelebtem Leben Gestalt verleihen.

Raum 1 ist mit Erdfarben rot gestrichen. In schwarz verbrannten Schränken, die innen mit farbigen Stoffen ausgekleidet sind, wird über Themenbereiche wie z.B. Anstaltskultur oder Psychiatrie in der NS-Zeit berichtet...

Der vierte Raum der Ausstellung ist fast vollständig abgedunkelt. Er bietet Gelegenheit, sich in hängende Korbstühle zu setzen und den Geschichten von Menschen, die ganz persönlich Verrücktsein und Psychiatrie erfahren haben, zuzuhören. Aus diesem Raum heraus betritt man den letzten Bereich der Ausstellung, einen komplett mit Spiegeln ausgestatteten Raum, im Inneren ein frei schwebendes Mobile als Metapher für das menschliche Gehirn. Man wird auf sich selbst zurückgeworfen, im wahrsten Sinne mit seinen vielen Spiegelbildern und Perspektiven konfrontiert.

Fragen bleiben, vielleicht auch Irritationen. christoph mayer chm. wagt mit diesem Projekt eine mutige und ausdrucksstarke Arbeit an einem bizarren Ort. Es ist geplant, dass Ärzte und ehemalige Patienten die Betreuung der Besucher im Rahmen eines museumspädagogischen Programms übernehmen.
Das Kunst + Museumsprojekt wird international gefördert.

(Mitte) Dr. Susanne Hahn – Laudatio zur Museumseröffnung in Zschadraß, (re.) Künstler Christoph Mayer chm.
Dichtes Gedränge zur Eröffnung des Kunst + Museumsprojektes.
Fotos: EVZ (K. Schädlich)

Öffnungszeiten: Mi. von 13 bis 17 Uhr und nach tel. Absprache unter Tel. (034381) 87403

 

 

 

 

 

home