Frankfurter Rundschau, 16. Juli 2004

"Spüren Sie Ihr Gen?"

Zschadraß in Sachsen ist ein Dorf für psychisch Kranke.
Eine Dauerausstellung erzählt seine Geschichte

VON JOHANNES WENDLAND

Das Dorf für die Kranken liegt hoch über dem wilden Fluss Mulde, auf einer weiten, flachen Bergkuppe. Ein Zauberberg, mitten im tiefsten Sachsen. Unter hohen Bäumen, in deren kahlen Kronen spätherbstlicher Nebel hängt, liegen ockerfarbene Gründerzeithäuser, größere und kleinere, Wohnhäuser für Langzeitpatienten, Klinikabteilungen, ein großes Verwaltungsgebäude, ein Wasserturm. Mittendrin thront eine hohe, schlanke Kirche, deren neugotische Fenster und Türen allerdings sauber zugemauert sind.

Seit der Gründung 1868 war Zschadraß, rund 50 Kilometer südöstlich von Leipzig gelegen, ein Ort für psychisch Kranke und für Lungenkranke. Eine Klinik mit einer nicht untypischen Geschichte - zunächst moderne Heilanstalt mit einer landwirtschaftlichen Beschäftigungstherapie, nach dem Ersten Weltkrieg Sterilisationsanstalt und in der NS-Zeit Durchgangsstation für psychisch Kranke auf dem Weg in die Vernichtung. Zu DDR-Zeiten dominierte die Lungenheilkunde, die Zschadraßer Ärzte und Wissenschaftler pflegten internationale Kontakte, während die Psychiatrie ins Hintertreffen geriet.

Nach Wende und Wiedervereinigung wurde die Lungenheilkunde nach Chemnitz verlegt. 1998 übernahm die Diakonie die Klinik, die heute Schwerpunkte bei Psychiatrie, Psychoanalyse und Neurologie setzt. Wo einst mehr als 1 000 Patienten lebten, ist noch Platz für 230, viele Gebäude stehen leer und verrotten. Doch der Geist, den der Ort ausstrahlt, erschließt sich dem Besucher fast unmittelbar, nicht nur an nebeligen Regentagen.

Es ist ein Dorf für die Kranken mit einer langen und wechselvollen Geschichte, die die neuen Betreiber nicht für sich behalten möchten. Dafür haben sie eine ungewöhnliche Form gewählt. Anstatt alte Dokumente, Fotos und Möbel in der Manier eines klassischen Heimatmuseums aufzubereiten, wurde der in Linz geborene und in Berlin lebende Künstler Christoph Mayer beauftragt, eine andere Präsentation zu entwickeln. Im Erdgeschoss des ehemaligen Verwaltungsgebäudes ist diese Ausstellung seit Ende November zu sehen - ein höchst anregender Gang durch assoziative Themenräume, in denen die lokale Geschichte in einen größeren Kontext eingebettet ist.

Verkohlte Schränke stehen kreuz und quer im ersten Raum, dessen Wände in einem kalkigen Rotorange gestrichen sind. Hinter den verwitterten Türen verbirgt sich die Geschichte des Ortes, Fotos von frühen Patienten, die auf dem klinikeigenen Gut arbeiteten, eine Zwangsjacke, die darauf verweist, dass auch die reformerische Psychiatrie des 19. Jahrhunderts nicht ohne Repression auskam, ein Stapel Akten aus der Nazizeit, in denen die meisten Krankengeschichten mit dem Verweis "verlegt in eine andere Anstalt" enden - womit die Klinik Sonnenstein bei Pirna gemeint war, in der 13 000 psychisch Kranke ermordet wurden.

Aus einem anderen Schrank meldet sich plötzlich Radio Zschadraß. Zu DDR-Zeiten entstand im Ort ein kleiner Mikrokosmos mit gemeinsamen Festen, Blaskapellen und einer Radiostation. Überlebt hat einzig der Fußballklub SV Medizin Zschadraß, dessen Sportlerheim die Kneipe am Ort ist.

Der zweite Raum wirft medizinische und ethische Fragen auf, die über den Ort hinausgehen. Der Besucher wird gebeten, auf einer Krankenliege Platz zu nehmen, von der aus er auf eine weitere Liege blickt, die wie ein Spiegelbild unter der Decke hängt. Auf ihr stehen Fragen, für deren Beantwortung man in sich hinein horchen muss: "Spüren Sie Ihr Gen?", oder: "Hören Sie auf das, was Ihre Mitmenschen sagen?" Ebenfalls spiegelbildlich hängen an der Wand zwei Leuchtkästen, durch die Röntgenbilder betrachtet werden können. Ein Kasten zeigt Schaudias, die Vererbungstheorie aus der Sicht der zwanziger Jahre darstellen. Ihr gegenüber sind zeitgenössische genetische Darstellungen zu sehen.

Langsamer Orientierungsverlust

Was ist Normalität, und wie gehen wir mit Irresein um? Diese Frage stellt der folgende Raum. Ein Videofilm zeigt eine fünfköpfige Familie bei einem alltäglich chaotischen Mittagessen. Der Abendmahlskelch aus der inzwischen vermauerten Zschadraßer Kirche symbolisiert die größere Gemeinschaft, in der sich, so die traditionelle christliche Vorstellung, alle Menschen wiederfinden sollen. Daneben schildern Schrifttafeln knapp die Geschichte der Psychiatrie, die ihren Ausgang mit durchaus radikalen Formen des Wegschließens nahm.

Im vorletzten Raum wird es stockfinster. Der Besucher tastet sich zu einem Korbsessel, der frei an der Decke hängt, schwingt und sich dreht. Während man langsam die räumliche Orientierung verliert, lauscht man den Geschichten von Patienten, die von ihren Wahnvorstellungen, Schüben und von ihrem ganz normalen Alltag innerhalb und außerhalb der Klinik erzählen. Wie ein Schlag trifft es einen schließlich im letzten Raum, der "Metapher Gehirn" übertitelt ist. Wände, Boden und Decke sind voll verspiegelt, wie Nerven ziehen sich einzelne transparente Kunststoffstränge von Wand zu Wand, wechselnde Projektionen werfen grünes, rotes oder violettes Licht, das sich wie der Raum und der Betrachter scheinbar unendlich in alle Richtungen verliert. Wie Mobiles hängen transparente Folien mit einem Bild vom Gehirn und einer Grafik von den Gehirnströmen im Raum. Nach langen Augenblicken, in denen man um eine Perspektive ringt, wirkt der Schritt aus diesem unwirklichen Raum wie der in eine leicht verschobene Realität.

Ein Jahr lang hat Christoph Mayer chm. an dieser künstlerisch-musealen Installation gearbeitet. Der 28-jährige Meisterschüler von Rebecca Horn, der auch ein Studium der Verhaltensforschung absolviert hat, führte dafür viele Gespräche mit Patienten, Ärzten und Dorfbewohnern. Widerstände gegen die ungewöhnliche Präsentation musste er überwinden, aber inzwischen stehen die Zschadraßer hinter der "Kunst", wie es hier kurz heißt. Künftig soll ein Kreis von Freiwilligen die Ausstellung und ihre Besucher betreuen, zusammen mit der Fachhochschule Merseburg wird an einem museumspädagogischen Programm gearbeitet. Spannend bleibt die Frage, wie sich die Kunst in den Alltag des Klinikdorfs einfügen wird.

Diakoniewerk Zschadraß, Gebäude 15 a,
jeden Mittwoch von 13 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung (034381/87 403).
www.ort-jenseits-der-strasse.de

 

 

 

 

 

 

 

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