"Freie Presse" Chemnitz, 26. Mai 2004

Kunst kontra Doktorspiele

Einst kam der Hochstapler Postel – Jetzt zog Kultur in die Klinik von Zschadraß ein
Von Ramona Bothe-Christl

Zschadraß. Das Eichhörnchen hat die Frau entdeckt. Es verharrt am Baumstamm. Beide schauen sich an. Der Himmel ist blau. Die Vögel singen ihr Frühlingslied, sonst ist es still. Ein herrlicher Ort, jenseits der Straße: Zschadraß, unweit von Colditz. Ein eigenartiger Ort. Er scheint verlassen. Ein wenig ist das auch so. 1930 lebten 1104 Patienten in diesem Dorf, dessen Leben von der Anstalt seit 1868 bestimmt wird.

Psychisch Kranke, geistig Behinderte, in ihrer Entwicklung gestörte Menschen füllten die meist dunkelroten Backsteinbauten. Heute stehen im Fachkrankenhaus für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie des Diakoniewerkes Zschadraß noch 175 Betten, dazu kommen 60 Heimplätze. Wenig ist geblieben am „Ort jenseits der Straße“. So lautet der Name eines Kulturprojekts, das Geschichte, Gegenwart und Zukunft widerspiegeln soll.

Initiator ist das Diakoniewerk selbst, dass vor der großen Herausforderung steht, den medizinischen Traditionsstandort Zschadraß zu revitalisieren. Das Kunst- und Museumsprojekt soll die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit auf diesen besonderen Ort lenken. Die hatte Zschadraß vor etwa 15 Jahren schon einmal. Und vielleicht soll so auch dem bitteren Beigeschmack, den das sächsische Krankenhaus auf Grund der Doktorspiele des Hochstaplers Gerd Postel hat, etwas entgegengesetzt werden.

Doch sicher wird der eine oder andere Besucher die freundliche Sekretärin, die in diesen Tagen das Museum bei Bedarf aufschließt, doch fragen: „Da kannten Sie sicher auch den Postel?“ Und die nette Mitarbeiterin nickt: „Ja, ich habe für ihn gearbeitet.“ Bittere Erinnerung an einen unangenehmen „Chef“.

Der österreichische Künstler Christoph Mayer Chm. (Schüler von Michelangelo Pistoletto und Rebecca Horn) füllte sie mit Installationen, die die Entwicklung der Klinik aufzeigen, aber keinesfalls eine historische Belegarbeit sind. Der junge Mayer, er war 28 Jahre alt, als das Projekt entstand, lebte einige Monate in Zschadraß. Führte Gespräche mit Patienten, sichtete das geschichtlich wertvolle Material.

Bevor der Besucher das Verwaltungsgebäude erreicht, führt Mayer ihn mit Zitaten von Patienten da hin. „Das war aber wie eine Familie für mich“, steht auf einem Schild, auf dem man das Wort „Museum“ erwartet hätte. Der Fußboden des Flurs im Erdgeschoss des Hauses ist mit chronologischen Daten der Anlage beschrieben. „1868 Gründung der Agricolen Colonie Zschadraß als Befreiung der Irren von den Ketten“ – damit beginnt die Zeitrechnung des Ortes jenseits der Straße. 1930 Höchststand an Patienten. 1940 bis 41 Durchgangsanstalt, Patienten werden in andere Anstalten verlegt und dort vergast. 1946, Aufbau einer Lungenklinik. 1998, Abzug der Lungenklinik. 1999 Übernahme durch die Diakonie.

Drinnen, in den fünf Räumen, vertieft der Künstler diesen Abriss. Schaut hinter Zeiträume und Zahlen. Die Wände des einen: rot wie Blut. Dazu schwarze, verkohlte Schränke, schwarz wie der Tod. Schlagworte und Jahreszahlen sind mit einer einfachen Handschrift, schnörkellos an die Wand geschrieben, zum Beispiel „1934, Gesetz zur Verhütung erkrankten Nachwuchses“. In den Schränken Krankenblätter von Menschen, für die Zschadraß Durchgangslager zum Tod war, 3525 waren es.

Ein Raum ist stockdunkel. Hat sich das Auge an die Finsternis gewöhnt, sind ganz kleine, wenige Lichter zu entdecken, die die Sitzmöglichkeiten markieren: kleine Schaukelsessel, die von der Decke hängen. Eine Stimme füllt den Raum, erzählt, wird abgelöst von einer anderen. Manche klingen normal für das normale Ohr. Anderen hört der im Dunklen Gelassene, Schaukelnde die Andersartigkeit an. Persönliche Berichte von Menschen, die Psychiatrie erlebt haben.

Von diesem Raum geht es ins menschliche Gehirn. Krach – mittendrin im Wirrwarr der Windungen. Das mit Spiegel vollständig verkleidete Zimmer wirft den Betrachter zurück zu sich, um ihn an anderer Stelle wieder aufzufangen. Anteil daran hat übrigens die Chemnitzer Firma SpiegelArt, die das Zimmer verspiegelt hat.

Raum für Raum eine mutige Auseinandersetzung mit dem Ort Zschadraß. An dem Eichhörnchen die Gäste begrüßen. Ein Ort inmitten der Stille, in der die Stimmen Tausender ehemaliger Bewohner nicht ganz verstummt sind.

Service
Geöffnet ist das Museum mittwochs 13 bis 17 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung: 034381/87403.

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Im Spiegelzimmer von Zschadraß. Diakonie

 

 

 

 

 

 

 

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