Junge Welt, 22. / 23. November 2003

Auf dem Lande

Liebe Mitpatienten: Der Künstler christoph mayer chm. trägt die Kunst in die sächsische Psychiatrie Zschadraß

Hier spricht Radio Zschadraß! Einen recht herzlichen Guten Morgen, liebe Mitpatienten und allen Hörerinnen und Hörern, die sich jetzt an unser Eigenprogramm vom Zschadraßer Studio angeschlossen haben. Wir errichten heute und hier ein >Forum der Medizin<. Einmal in der Woche werden hier unsere Betreuer, Ärzte, Pflegepersonal und Kollegen aus Labor und den anderen Arbeitsgebieten unserer Heilstätte zu kurzem Worte kommen. Und indem sie uns einiges über ihr eigenes Arbeitsgebiet verraten und somit aufklärend in größerem Rahmen wirken, können auch uns die Wege gewiesen werden, wie wir beträchtlich zu unserer Heilung von uns aus beitragen und sie beschleunigen können.<<

Diese Ansage ertönt, wenn man in der Anstalt Zschadraß eine verkohlte Schranktür öffnet. Tondokument aus einer Zeit, als Psychiatriepatienten ihr eigenes Anstaltsradio organisierten. Zu hören in der Stille des Raumes der Ausstellung >>Jenseits der Straße<< von christoph mayer chm. in Zschadraß.

Am Muldental bei Leipzig gelegen, ist der Ort an sich schon einen Ausflug wert. Auf einem kleinen Hügel, zwischen Bäumen erstreckt sich das Areal der Anstalt. Zschadraß ist ei Ort, der in sich hundert Jahre deutscher Psychiatriepraxis vereint.

Vor einigen Jahren wurde er durch die abenteuerlichen Hochstapeleien des Postangestellten und falschen Psychiatriearztes Postel in zweifelhaftes Licht gerückt. Jetzt soll es wieder seriös zugehen. Der österreichische Künstler christoph mayer chm. folgte der Einladung von Diakonie und Ortsgemeinde, in Kooperation mit Medizinern und Geschichtsexperten ein ungewöhnliches Museum zu verwirklichen, das sich auf die Geschichte und das Wesen von Medizin, insbesondere der Psychiatrie, konzentriert. Die Besucher werden in fünf Rauminstallationen mit einer freien künstlerischen Sichtweise konfrontiert. Historische Exponaten alte Fotografien und Dias, Textdokumente und Interviews von Psychiatriepatienten dienen dem Künstler als Arbeitsmaterial. Der erste Raum, der die Bezeichnung >>Leben; und die Realität der Gegenstände<< trägt, ist mit Erdfarben rot gestrichen. In schwarz verbrannten Schränken, die innen mit farbig leuchtenden Stoffen ausgekleidet sind, wird über Themenbereiche wie Kultur oder Psychiatrie in der NS-Zeit sowie der Lungenklinik Zschadraß berichtet. Der vierte Raum der Ausstellung - >>Meine Sprache, Mein Geist<< - ist fast vollständig abgedunkelt. Er bietet Gelegenheit, sich zu setzen und den Geschichten von Menschen, die ganz persönlich Verrücktsein und Psychiatrie erfahren haben, zuzuhören. Wer bisher noch keine Psychiatrieerfahrungen gemacht hat, sollte jetzt damit anfangen.
Philipp Vonderheidt

• Eröffnung der Ausstellung am heutigen Sonnabend um 16 Uhr auf dem Gelände der Psychiatrie Zschadraß

 

 

 

 

 

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