Labor Ostdeutschland
Kulturelle Praxis im gesellschaftlichen Wandel
(Herausgegeben von Kristina Bauer-Volke und Ina Dietzsch)
im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes

Seite 316-322

Kunst statt Heimat.
Das Museum Zschadraß

Gespräch mit dem Künstler Christoph Mayer chm. über die Konzeption des Museums in den Kliniken der sächsischen Kleinstadt Zschadraß

Zschadraß, ein kleiner Ort nahe Grimma bei Leipzig, liegt auf einer Anhöhe, auf die auch die Wasser der Flut nicht steigen konnten, die im Sommer des Jahres 2002 die umliegenden Dörfer samt Getränkestützpunkt mit Feierabendbiertisch überschwemmte. Ein solches Hochwasser hatte ganz Sachsen seit Generationen nicht mehr erlebt, dass es in Zschadraß etwas anders zuging als im Umland, wohl. In Zschadraß liegt eine der einstmals größten psychiatrischen Kliniken Sachsens mit einem Ruf, der weit über Stadt- und Bezirksgrenzen hinaus eilte und die Einwohner stolz von >>ihrem Zschadraß<< sprechen ließ. Hier gab es neben florierenden Kliniken gepflegte Gartenanlagen, eine Wettbewerbe gewinnende Blaskapelle, ein Anstaltsradio mit eigenem Sendeformat und einen Festsaal, in dem Theater und Musik gespielt wurden.

All das ist Teil der Vergangenheit, die für Zschadraß im Jahr 1868 begann und bis 1989 währte. Angefangen hatte es mit der Gründung einer kleinen Außenstation der Irrenanstalt Colditz auf eine Anhöhe zwischen Feldern und Obstplantagen und einem Experiment: >>Agricole Psychiatrie<< versuchte die soziale Integration der Patienten durch Arbeiten in Ackerbau und Viehzucht anstelle von Zwangsstühlen, Kaltwasserschockbädern und körperlicher Züchtigung – eine Therapieform, die im ausgehenden 19. Jahrhundert als nahezu revolutionär galt und neben medizinischen ökonomische Erfolge zeitigte. Bereits 1894 konnten die offenen Heil- und Pflegestätten unabhängig operieren, denn die Kolonie auf dem Feld war zu einer autarken Siedlung mit 300 Patienten und entsprechendem Pflegepersonal herangewachsen. Aus den Holzhäusern der ersten Tage wurden Backsteinbauten; vier große Häuser mit Jugendstil-Walmdächern und überdachten Terrassen kamen hinzu; in einer Parklandschaft wurden Wege, Wiesen und Blumenbeete oder geschlossene Gärten für die >>Unheilbaren<< angelegt. Als 1895 eine Kirche eingeweiht wurde, galt Zschadraß als eigenständiger Ort; als die Zahl der betreuten Kranken auf 600 angestiegen war, als einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region. Im Jahr 1924 wurde Die Mutteranstalt in Colditz zugunsten von Zschadraß aufgelöst.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde aus der Reformanstalt ein Durchgangslager in die Gaskammern und ein Ort von Zwangssterilisationen. Die Aufarbeitung und Bewusstmachung der Verbrechen an psychisch Kranken begann erst Jahre nach dem Geschehen und ist bis heute nicht abgeschlossen.

Nach Kriegsende wurde Zschadraß zum Vorreiter im Kampf gegen die im Nachkriegsdeutschland grassierende Volksseuche Tuberkulose. Die >>Neuordnung der Tuberkulosebekämpfung im Lande Sachsen<< und das sächsische Tuberkulosegesetz wurden für ganz Deutschland Vorlage für Maßnahmen, wie man sie erst in Zschadraß, nach Abberufung des Anstaltsleiters Bernhard Kallabis nach Dresden dann in der Landeshauptstadt entwickelt und durchgesetzt hatte. Der Ruf einer modernen Anstalt entsprach den neu eingeführten Methoden und Einrichtungen: Einer modernen Desinfektionsanlage folgte die Einrichtung zweier Friseursalons für männliche und weibliche Patienten, die Krankensäle wurden verkleinert, die Betten erhielten Anschlüsse an eine neue zentrale Rundfunkanlage, eine neu gebaute Großküche mit Kühlräumen versorgte die Patienten nach diätetischen Prinzipien. Als die DDR gegründet wurde, galt Zschadraß als Musteranlage für Heil- und Pflegeanstalten. Jahr um Jahr erweiterte sich das medizinische Profil, Mitte der fünfziger Jahre verfügte die Anstalt über Spezialkliniken für Tuberkulose und andere Lungenkrankheiten, eine poliklinische Ambulanz, eine Zahnstation sowie zahlreiche angegliederte Labors und noch immer eine psychiatrische Klinik. Eine Gruppe außerordentlich engagierter Ärzte machte sich um die Forschung auf dem Gebiet von TBC und Lungenkrebs verdient, sie verfassten zahlreiche Vorträge und Fachbücher, die zur internationalen Anerkennung der Anstalten beitrugen. Auf psychiatrischem Gebiet hielt man weiterhin an der integrierten Arbeitstherapie fest. Zschadraß war ein Juwel der sozialistischen deutschen Republik, es brauchte den Vergleich mit den Renomierkliniken Berlin-Buch und Charite nicht zu scheuen. Im Rahmen der >>Schaffung sozialistischer Lebensverhältnisse im Gesundheitswesen<< waren eine Betriebsbildungsstätte, ein Sportplatz, ein Betriebskindergarten, ein Klubhaus, Büchereien und sechs Betriebsferienhäuser in Zempin an der Ostsee eingerichtet worden. Zahlreiche Zirkel und Laiengruppen veranstalteten öffentliche Kunstausstellungen und Theateraufführungen, die Ärzte und Mitarbeiter beteiligten sich, so sagt es eine Jubiläumsschrift aus dem Jahr 1969, an zehn Sportarten aktiv. Ab 1958 strahlte Studio Zschadraß regelmäßige Radiosendungen aus. Anfänglich noch auf populärwissenschaftliche Formate wie das >>kulturgeschichtliche ABC<< und ein >>Forum der Medizin<< konzentriert, in denen die Geschichte der Röntgenapparaturen oder vorbeugende Maßnahmen gegen Tuberkulose behandelt wurden, plauderte man in den darauf folgenden Jahren darüber, ob Guinea trotz sozialistischer Entwicklungen noch typisch afrikanisch sei und wie vorteilhaft sich die Entwicklung des Raketenflugs auf das Leben in der DDR auswirken würde. Wer in Zschadraß arbeitete, war stolz, wer nicht, kam an den Wochenenden, um in den schönen Parks zu spazieren oder am guten Leben teilzuhaben.

1989 arbeiteten in den Kliniken und Labors von Zschadraß mehr als 600 Mitarbeiter, noch immer fungierten sie als größter Arbeitgeber und Kulturzentrum der Region. Als bald nach der Wende der Beschluss fiel, die Lungenklinik nach Chemnitz zu verlagern, begann der Abbau der Arbeitsplätze und Kultureinrichtungen.

Zusätzlich zum Verlust an Geltung erschütterte jedoch Gert Uwe Postel das Ansehen der Kliniken. Der heute 45jährige Postbeamte mit einer >>Persönlichkeitsstörung mit leicht narzisstischen Zügen << arbeitete ab 1995 knapp zwei Jahre als Oberarzt für Neurologie und Psychiatrie in Zschadraß und wäre fast zum Leiter einer forensischen Klinik bei Dresden berufen worden, hätte man den Hochstapler nicht doch noch enttarnt und zu einer psychiatrischen Zwangsbehandlung im Gefängnis verurteilt. Inzwischen hat Postel seine Memoiren veröffentlicht, der Berliner Hochstaplerkongress erwählte ihn 1999 zum Ehrenpräsidenten, und es heißt, dass ein Fernsehsender mit ihm über die Rechte verhandle. Die Kliniken Zschadraß indes haben sich von dem, was Postel lakonisch als >>Beitrag zum Aufbau Ost<< deklarierte, nicht erholt, die Koinzidenz mit dem Abbau ganzer Klinikbereiche zugunsten von Chemnitz hat, so scheint es, das schmähliche Ende einer einst autarken Region besiegelt. Ob unwiderruflich, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Heute arbeiten noch 250 Angestellte in den Kliniken, ein Großteil der Gebäude steht leer. Um der Perspektivlosigkeit entgegenzuwirken, initiierte die Diakonie in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Zschadraß eine Neukonzeption der Anlagen. Ein Architektenbüro aus Nürnberg übernahm die architektonische und landschaftsplanerische Großkonzeption, in deren Mittelpunkt wiederum (und auf ausdrücklichen Wunsch der Bevölkerung in und um Zschadraß) ein Festsaal für Kulturveranstaltungen, die rekonstruierte Kirche als soziokulturelles Zentrum und ein Museum stehen werden. In einem Zeitraum von zehn Jahren sollen sich um diesen Kern herum neue Bereiche für die Pflege von Alten und Behinderten, ein >>Versorgungszentrum im ländlichen Raum<< mit Dienstleistungsunternehmen, eine Künstlerkolonie und alternative Heilbehandlungszentren ansiedeln. Was aus der Ferne gern als verrückter Wunschtraum bezeichnet wird, sehen die Zschadraßer als ihre letzte Chance.

Der junge österreichische Künstler Christoph Mayer chm. wurde mit der Konzeption des Museums beauftragt. Er ist Meisterschüler bei Rebecca Horn und arbeitete in den vergangenen Jahren in Tokio, Wien, Berlin, Santiago de Compostela und London. Das folgende Interview führte Kristina Bauer-Volke im Dezember 2002.

Wie beschreiben Sie Zschadraß Freunden und Kollegen aus Wien oder London?

Während der Arbeit in Zschadraß war ich zwischenzeitlich an einem Auftrag in England tätig, an einem völlig konträren Ort, einer der vornehmsten Privatschulen mit großem Landschaftsgarten. Den Menschen, mit denen ich dort arbeitete, habe ich beschrieben, dass Zschadraß ein sehr abgelegener Ort ist – im Wesentlichen eine Psychiatrie, um die herum ein Ort gewachsen ist. Zschadraß ist irgendwie verrückt und interessant, von der Atmosphäre her eigenartig, fast verwunschen und doch ist der Boden hier sehr staubig, trocken, steinig und natürlich ostdeutsch.

Was heißt >>ostdeutsch<<?

In der jetzigen Situation heißt das vor allem, dass plötzlich alles anders ist, dass die Regeln des sozialen Zusammenlebens von Grund auf verändert sind. Zschadraß, so ist es überliefert, heißt >>Ort jenseits der Straße<<. Das ist sehr bezeichnend. Es ist eine Wiese auf dem Hügel, ein abgesonderter Teil, der auch im Vergleich zum Rest Ostdeutschlands eine eigene Welt ist.

Und wie äußert sich das?

Aus einem einstmals sehr stolzen Ort ist heute ein Ort der Unsicherheit geworden. Nichts ist mehr so wie früher, und doch ist die Vergangenheit sehr gegenwärtig. Das schafft eine eigenartige Verschrobenheit. Auf der Suche nach einer neuen Identität ist auch die Idee entstanden, die Vergangenheit festzuhalten und ein Museum zu machen, in dem zum Beispiel dokumentiert ist, dass Zschadraß neben Hildesheim der erste Ort war, wo im Zuge der Befreiung der Irren von den Ketten eine Agricole Colonie gegründet wurde und dass sich nach dem zweiten Weltkrieg hier eine sehr bedeutsame Lungenklinik mit regem kulturellen Leben befand. In dem geplanten Heimatmuseum wollte man gar nicht mehr zeigen, dass der Stolz – die Lungenklinik – nach der Wende aus für viele völlig unverständlichen Gründen einfach vom Gesundheitsministerium abgezogen wurde.

Ihre bisherigen Arbeiten waren temporäre Projekte in öffentlichen Räumen, etwa >>Kann man Seele sehen<< in der Vitrine einer Wiener U-Bahn-Passage oder >>tanz leerer herzen<< in der Kärntnerstraße. Ein Museum mit einer Dauerausstellung scheint dieser Art künstlerischer Arbeit diametral entgegengesetzt zu stehen. Wie kam es zu diesem Auftrag?

Eher durch einen Zufall. Man hatte mich eingeladen nach Zschadraß zu kommen, weil man an einer eigenständigen künstlerischen Arbeit interessiert war. Die Damen von der Abteilung Kultur, zwei ABM-Kräfte, zeigten mir ihre Planungen für das Projekt. Es basierte im Wesentlichen auf historischem Material, das die Geschichte der Kliniken darstellen sollte. Ich hatte einige spontane Bilder, wie man es interessanter gestalten könnte, auf eine Papierserviette gezeichnet und überließ sie ihnen einfach als Geschenk. Einige Wochen später hat man mich eingeladen, das Museum und das Konzept zu gestalten.
Zu ihrer Frage, ob so ein Museum mit einer Dauerausstellung meiner Art zu arbeiten diametral entgegensteht: Die menschliche Existenz, Medizin, Psychiatrie und der Umgang der Gesellschaft mit Krankheit sind Themen, die mich schon immer interessieren. Zudem liebe ich es, ortsspezifisch zu arbeiten. Und es ist für mich eine brennende Frage, ob Kunst auch für nicht vorgebildete, nicht ohnehin mit der Kunst beschäftigte Menschen eine Ebene der Auseinandersetzung sein kann. Welche Form ich dann finde, darin möchte ich beweglich sein, deshalb habe ich die Einladung zu diesem Projekt angenommen. Dass hier von Anfang an die Vermittlung von Geschichte und Wissenschaft also das Museum und nicht die Kunst, im Mittelpunkt stand, hat dem freien Arbeiten natürlich von vornherein eine Grenze gesetzt.

Wie sind Sie mit dieser Anforderung umgegangen?

Als man mich eingeladen hatte, den Auftrag selbst auszuführen, wusste ich, dass ich mich sehr genau vorbereiten muss und nicht die erste Intuition verwirklichen kann, ohne den Ort zu kennen und seine Parameter der Psychiatrie, Medizin und das Lungenkrankenhaus. Deshalb bin ich nach Zschadraß gezogen, um da zu leben und zu arbeiten und die reale Situation des Ortes auch auf einer alltäglichen Ebene zu spüren. Und ich habe nach Leuten gesucht, die das Projekt wissenschaftlich betreuen. Unter anderem konnte ich nach einigen Mühen durchsetzen, dass man mich in der Freizeittherapie arbeiten ließ. Während der vier Wochen auf Station habe ich viel von der jetzigen Realität der Psychiatrie erfahren. Eines Wurde mir immer wieder deutlich gemacht: Wer nach Zschadraß kommt und denkt, er könne alles, hat verloren.

Was mussten Sie denn lernen, was war so anders?

In der letzten Zeit habe ich viel für Museen gearbeitet. Es gibt auch da Schwierigkeiten bei der Ausführung von temporären Kunstprojekten, aber man findet dort eine funktionierende Infrastruktur und vor allem eine Bereitschaft für Kunst. All das war in Zschadraß anders. Niemand außer dem leitenden Personal konnte sich eine Vorstellung von diesem noch nicht existierenden Kunstprojekt machen.
Am Anfang haben mich viele Leute davor gewarnt, das Projekt zu übernehmen. Zum Beispiel ein Maler, der im Nachbarort sein Atelier hat. Er zählt zur Leipziger Schule, er arbeitet figürlich und ist also eher einem klassischen Kunstbegriff verpflichtet. Als er mir sagte, dass er seine Bilder niemals in Zschadraß ausstellen würde, weil man Kunst hier nicht schätzt, nicht versteht und eigentlich nicht will, hat mich das sehr verunsichert. Ich bin kein Maler, ich mache keine Kunst im landläufigen Sinn. Wie würde man mein Projekt also aufnehmen, was konnte ich erwarten? Diese Situation des scheinbar Unmöglichen hat mich sehr verunsichert und doch auch so sehr herausgefordert, dass ich das Projekt angenommen habe und damit begann, das Terrain zu testen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Da ich mit den Patienten auch freizeittherapeutisch arbeitete, habe ich unter anderem Kinoabende organisiert. Während der Zeit, in der ich in Zschadraß lebte, gab es sonst keinerlei Kultur- oder andere Veranstaltungen. Abends konnte man in Zschadraß ab 19 Uhr die Bürgersteige hochklappen. Der erste Kinoabend begann mit >>La vita e bella<< - einem Film, von dem ich glaube, dass er mit seiner Lebensfreude alle Menschen berührt. Aber er erntete, na ja, verhaltenes Interesse – viel weniger Begeisterung, als ich erwartet hatte. Ganz anders war das mit den beiden nächsten Filmen von zwei jungen Leuten, Sabine Michel und Thomas Wendrich, über Ostdeutschland: witzige, böse Filme über Ossis und Wessis in der Lausitz. Als ich hier arbeitete, erinnerte mich so vieles an diese Filme, auch wenn sie von einem anderen Landstrich erzählen. Die Situation erschien mir ähnlich. Da ich aus Österreich stamme, war ich gespannt, wie man darauf reagieren würde, und ich war mir weit weniger sicher als beim ersten Mal – aber ich hatte mich geirrt. Es kamen Patienten, Angestellte, ein paar Leute aus der Umgebung, und die Filme sind sehr gut angekommen.

Nach der ursprünglichen Vorstellung der Auftraggeber war das Museum eine Präsentation historischer Dokumente und Gerätschaften – ein traditionelles Museumskonzept also, das vor allem die Menschen der Region interessieren dürfte und viel mit der Vergewisserung der eigenen Herkunft und der guten Zeiten zu tun hat. Was ist Ihr Konzept, und wie viel hat es mit dem Bedürfnis, die eigene Geschichte zu erzählen, noch gemein?

Bei der Gestaltung der meisten Museen geht man nach einem klaren Muster vor, wie beim Malen einer Ikone, wo die Gestaltungsbedingungen jedem klar sind: Historische Gegenstände und Schilder mit dem Namen des Exponats, dem Datum der Zeit, aus der sie stammen usw. werden in schützenden Glasvitrinen gezeigt. Dieses Museumsobjekt sollte über die Rekonstruktion von historischen Ereignissen hinausgehen, aber auch kein Erlebnismuseum werden, in dem die Erkenntnisse der Besucher geradlinig nach didaktischem Muster geplant sind, wie dies in populären Ausstellungen gerade üblich ist.
Mein Konzept basiert auf einer künstlerischen Sicht auf die Geschichte des Ortes Zschadraß und die damit verbundenen Gebiete wie Psychiatrie oder somatische Medizin. Die künstlerische Sicht wird durch Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, Ärzten und Historikern mit einer wissenschaftlichen Ebene und durch die Integration von Zeitzeugen und Patienten mit einer Ebene des unmittelbaren Erlebens in Verbindung gebracht.
Ich verlasse mich nicht auf die historischen Dokumente, sondern auf meine Intuition. Durch sie kommen in einem künstlerischen Prozess Formen zustande, die auf rationale Weise vielleicht erst mal nicht zu verstehen sind, die aber eine viel tiefer liegende Wahrheit ansprechen können. Anregung dazu können zum Beispiel auch Träume sein, in denen die Geschichte des Ortes reflektiert wird. Es wird z.B. einen erdroten Raum mit verkohlten Schränken geben. Beim Öffnen zeigen sich dem Besucher historische Exponate, denen natürlicherweise Realität zugeschrieben wird. Das Innere der Schränke wird mit zauberhaft leuchtenden, farbigen Stoffen ausgekleidet. Oder es soll einen Raum geben, der in völliger Dunkelheit liegt. N diesem Raum erzählen Patienten von ihrem Leben, ihrer Kindheit, ihren Wahnvorstellungen. Durch das Ausschalten des Sehsinns wird es möglich, sich ganz anders auf diese Welt einzulassen.
Die Psychiatrie fokussiert ihren Blick immer mehr auf das Gehirn, für die neurologische Klinik im Krankenhaus ist es das zentrale Organ. Der letzte Raum wird deshalb eine Metapher auf das Gehirn sein. In der visuellen Unendlichkeit eines verspiegelten Raumes sind schematische Darstellungen des Gehirns Teil eines sich ständig bewegenden und ausbalancierenden Mobiles. Man hört leises Atmen.
Das Projekt soll neben der direkten Information hauptsächlich ein Assoziationsfeld für die Besucher, eine Anregung zum Denken und für Diskussionen sein. Zur Darstellung der Geschichte, das heißt für eine chronologische Orientierung, wird es am Boden des Flurs vor den Museumsräumen eine Schriftzeile geben, über die man läuft, um in den ersten Raum zu gelangen.

Wie hat man auf Ihre Interpretation der Vergangenheit reagiert, wie au das Konzept?

Für mich war das fast unheimlich: Bei der Präsentation des Konzepts vor dem so genannten Museumstreff – also Freunden des Museums, die die anfängliche Idee zu realisieren begonnen hatten – waren fast alle begeistert, zum Teil waren sie sogar richtig berührt. Fachleute, wie zum Beispiel Dr. Reuter, der ärztliche Leiter der Klinik, hatten von Anfang an schon hinter dem Kunstprojekt gestanden und es unterstützt. Frau Dr. Hahn, die im Hygienemuseum große interdisziplinäre Ausstellungen gemacht hatte, war ebenfalls von meinem Konzept überzeugt. Ich glaube, dass wir gewonnen haben, dass wir zumindest für eine Weile über den Berg sind.

Und Postel?

Postel ist ein Tabu, ein Punkt, in dem man sich sehr verletzbar fühlt. Er hat, gemeinsam mit dem Abzug der Lungenklinik, dafür gesorgt, dass das Selbstbewusstsein schwer erschüttert ist. Die Tatsache, dass Postel anderthalb Jahre in Zschadraß gearbeitet hat, wird als große Schande empfunden. Und man hat natürlich Angst, dass sich Leute darüber lustig machen, weil man sowieso Schwierigkeiten hat, als Psychiatrie anerkannt zu werden, weil es immer die >>Klapse<< ist. Er kam in einem Moment, wo man ohnehin angeschlagen war, und man hat sich bis heute nicht davon erholt. Ich wollte Postel auf jeden Fall aufnehmen, habe ihn aber aus dem Museum auf den Gang verbannt, wo sich ein paar Postfächer in einer Wand befinden. Das halte ich für eine ganz gute Lösung, weil sie räumlich weder zur Klinik noch zum Museum gehören. Dort kann Postel sich selbst darstellen, seine Sicht auf die Geschichte, und die Bevölkerung ist eingeladen, genau dasselbe zu tun. Daraus kann sich dann etwas entwickeln, eine Kommunikation und Auseinandersetzung, die jetzt einfach nicht stattfindet. Hätte ich die freie Wahl, hätte ich es bestimmt irgendwie anders gemacht, aber der Kompromiss hat sich als ganz gute Lösung herausgestellt.

Hat er bereits zugesagt?

Er ist bereit, so etwas zu machen. Momentan ist aber eher die Zschadraßer Seite ein Hindernis. Man möchte Gert Postel keine Plattform geben, sich zu präsentieren, auch wenn man Fragen, die sein Fall aufgeworfen hat, im Museum verarbeiten will.
Für mich ist wichtig, dass das Museum sich noch während des Baus verändern und wachsen kann. Auch das Postkastenprojekt gehört dazu – ich weiß noch nicht, wie es letztlich aussehen wird, aber es ist mir wichtig. Schließlich geht es darum, etwas zu beleben. Ein Konzept wie aus einem CAD-Programm, von einer Maschine ausgespuckt und nicht mehr veränderbar, würde das verhindern. Es wird also noch viele Auseinandersetzungen darum geben. Am wichtigsten für meine Arbeit ist, dass ich auf die Leute eingehe, sie ernst nehme. Worum es mir letztlich geht, ist, dass das Museum Menschen bewegt, dass es ihnen etwas bedeutet. Sicherlich hat so ein Museum auch eine kulturpolitische Bedeutung für den Ort, aber darum geht es mir persönlich nicht.

Der Erfolg des Konzeptes wird wesentlich davon abhängen, was passiert, wenn Sie das Projekt vollendet haben und es in die Hände der Zschadraßer geben. Wird es angenommen werden? Was folgt nach Ihrer Meinung nach der Eröffnung?

Es ist vergleichbar mit Blumensamen, die man in trockenen Boden bringt. Die Prognosen am Anfang waren sehr schlecht, und die Situation hat sich in vielerlei Hinsicht bereits zum Besseren verändert. Das Museum kann etwas sein, mit dem die Menschen sich mit der Zeit verbunden fühlen, es kann sogar ein Identitätsfeld für Zschadraß bieten. Es gibt bereits viele Anzeichen, dass es eine Wirkung über die Region hinaus haben wird. Dr. Bach, ein einflussreicher Dresdner Psychiater, hat zum Beispiel überlegt, ob er die sächsische Chefärztetagung in Zschadraß stattfinden lassen soll, und beim Vorstellen des Projekts vor den Medizinalmuseologen des deutschsprachigen Raums gab es auch ein sehr gutes Echo... Ich glaube, das Museum hat die Potenz, Leute von außerhalb nach Zschadraß zu bringen. Man kann bei so einem ungewöhnlichen Projekt nicht alles voraussagen, man muss es einfach machen.

Kontakt: chmchristoph@gmx.net

 

 

 

 

 

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