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Leipziger Volkszeitung, 31. Dezember 2003

"ort jenseits der strasse" - Ein faszinierendes Kunstprojekt auf dem Gelände
der Psychiatrie Zschadraß

Allein mit Stimmen im dunklen All

An Dorfwänden zeigen weiße Banner gemeinhin Jahrmärkte oder Feuerwehrfeste
an. Manchmal meldet sich auch eine Bürgerinitiative. Auch das kleine
Zschadraß am südlichen Rand des Muldentalkreises hat seit einigen Wochen
geflaggt - mit Worten, die aus einer anderen Welt herüber zu rufen scheinen.
"Mein verstorbener Vater hat zu mir gesprochen", heißt es. Oder: "Meine
Freunde haben mich geknebelt." Gespenstisch raunt es: "Ich weiß das, ich bin
nicht krank." Auch auf Postkarten und im Internet hat jemand diese Sätze
geschrieben. Was ist los?

An einem Ziegelbau, Haus 15a der Zschadraßer Psychiatrie steht schließlich
lakonisch: "Da wurde etwas Geschichte geschrieben." Zschadraß? Psychiatrie?
Geschichte? Da war doch was. Richtig: Hochstapler Gert Postel hatte sich
hier für zwei Jahre eine Anstellung als Oberarzt erschwindelt, war 1997
aufgeflogen und hinter Gitter gewandert. Nur allmählich erholt sich die
traditionsreiche Klinik vom Imageschaden, den die Köpenickiade
zurückgelassen hat.

Sechs Jahre später hat wieder ein Vagabund an diesem seltsamen "Zauberberg"
Halt gemacht. Anders als der eloquente Selbstdarsteller mit eigener Homepage
kam der Österreicher Christoph Mayer mit offenen Karten. Ideen waren gefragt
für ein Museumsprojekt, das die Geschichte des Hauses zeigen sollte. Mayer
erscheint zu einem unverbindlichen Gespräch. ABM-Kräfte von der Abteilung
Kultur zeigen ihm ihre Planungen. Der 28-Jährige zeichnet einige Einfälle
auf eine Papierserviette und fährt zurück in seine Wahlheimat Berlin. Einige
Wochen später kommt ein Anruf mit der Einladung, das Museum in Zschadraß zu
gestalten. Der 28-jährige zieht ein, recherchiert, spricht mit Patienten,
berät sich mit Medizinern, Historikern. Fünf Räume darf er gestalten.

In Zusammenarbeit mit Diakoniewerk und Gemeinde entstand ein einzigartiger
Assoziationsraum über Wahn, Sinn, Psychiatriegeschichte und die Perversion
des Euthanasie-Programms der Nazis. Traumwandlerisch führt der Künstler von
den Hauptrouten unserer Wahrnehmung über Abwege mitten in die Unsicherheiten
der Existenz. Dass dieses oder jenes Werk irritiere, zählt zu den Standards
einer Rezension. Diese Kunst tut es wirklich.

"ort jenseits der strasse", nennt Christoph Mayer sein Projekt. Das, so will
ein Heimatforscher herausgefunden haben, sei die ursprüngliche Bedeutung des
Ortsnamens Zschadraß. Der Künstler entwirft daraus ein Label für seine Ideen
des Verrückt-Seins. Und immer geht es auch um Zschadraß, wo neben Hildesheim
die erste "Agricole Colonie" gegründet wurde. Landwirtschaftliche
Beschäftigungstherapie hieß damals das erfolgreiche Rezept, mit dem man die
psychisch Kranken von den Ketten befreite. Eine bedeutende Lungenklinik ist
hier nach dem Krieg entstanden. Eine eigene Welt.

Wer durch die Tür des Verwaltungsgebäudes tritt, läuft erst über Buchstaben,
aus denen sich eine kurze Chronologie der Klinik zusammenreiht, von der
Gründung 1868 bis zum Abzug der Lungenklinik 1998 und der Übernahme durch
die Diakonie im Folgejahr. Der erste Raum, überschrieben mit "Leben; und die
Realität der Gegenstände", erscheint fast beruhigend-vertraut. Wie in einer
Parodie auf die Heimatstube mit ihren in Vitrinen lagernden Grundbeständen
der Ortsgeschichte sortiert sich eine Gruppe von Schränken vor erdrot
gestrichenen Wänden. Fotos von den Anfängen der Klinik sind zu sehen,
Verwaltungsakten, eine Zwangsjacke. Das erwartet man.

Die Schränke sind verkohlt. Einer fasst Akten, die das Blut in den Adern
gefrieren lassen. "Sieht schwarze Gestalten" lautet die
Persönlichkeitsbeschreibung eines Insassen. Eine Diagnose, die nach 1940
einem Todesurteil gleichkam. "Verlegt in eine andere Anstalt", heißt es
lapidar weiter. Ein Code für "in eine Gaskammer gebracht und getötet". "Die
Akten wurden erst vor wenigen Jahren entdeckt", erzählt Christoph Mayer.
Einen Schrank weiter erklingt beim Öffnen Musik. Gesungen wird das Lied vom
"Mann im Mond". Es folgt ein "Streifzug durch die Geschichte des
Raketenfluges". Eine Sendung von Radio Zschadraß für die Patienten aus dem
Jahr 1960.

Raum 2 montiert Apparate und Lehrmaterial mit Gedankenfetzen. "Knochen",
"Blutgefäße", "Zellen", "Schicksal" steht auf einem Gerät für die
Betrachtung von Röntgenbildern. Wer sich auf die Liege in der Mitte legt,
liest an der Decke, lapidar hingekritzelt, Grundfragen. "Wie viel Wissen tut
uns gut?", "Wie spüren Sie Ihr Gen?" oder: "Wie verwalten Sie Ihren
Charakter?"

Im Nachbarzimmer kontrastiert der Inbegriff des Normalen - ein Video zeigt
tonlos eine Familie beim Abendessen - mit Momenten aus der Geschichte der
Psychiatrie: Unterbringung im Erdloch, Knebel, Fesselung,
Anstaltspsychiatrie, moderne Gesprächstherapie. Raum 4, "Meine Sprache, mein
Geist", führt ins Dunkel. Nur schütter beleuchtet hängen Korbstühle von der
Decke. Aus dem Nichts sind Patienten zu hören, Lebensläufe, Ängste,
Wahnvorstellungen. Durch ein schwarzes All treibt der Zuhörer, allein mit
den Stimmen. Hinter einer weiteren Tür liegt eine andere Galaxie, die
"Metapher Gehirn", eine Spiegelwelt mit einem Mobile und Gehirnstromkurven
auf Folien. Willkommen im Ich ...

Christoph Mayer kommt aus St. Georgen an der Gusen, einem kleinen Nest, tief
in der österreichischen Provinz. Von da hat es ihn unter anderem nach
Lappland, Shanghai, Alaska, Japan oder New York gezogen. Die Arbeit in
Zschadraß, die Überwindung anfänglicher Vorurteile gegen den Künstler und
seine verrückten Ideen, sei für ihn "wie eine Wiederholung" gewesen, sagt
er. Allein Postel fehlt. Auf dem Gang wollte Mayer Postfächer anbringen, in
die der Briefträger und die Krankenhaus-Belegschaft ihre Sicht der Dinge
stecken sollten. Doch der falsche Doktor ist noch ein Tabu, hier an diesem
Ort jenseits der Straße. Jürgen Kleindienst

Kunst + Museumsprojekt im Diakoniewerk Zschadraß, im Park 15 a, Geöffnet: Mi
13-17 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung: 034381/87403.

Internet: www.ort-jenseits-der-strasse.de

"Metapher Gehirn": Der letzte Raum des ungewöhnlichen Museums von Christoph
Mayer besteht aus einer seltsamen Spiegelwelt. Foto: Torsten Seidel

 

 

Leipziger Volkszeitung, 24. November 2003

Neues Museum auf dem Klinikgelände in Zschadraß eröffnet / Ausstellung verknüpft Psychiatrie- und Ortsgeschichte

Originelles Projekt bewahrt wertvolle Zeitzeugnisse

Zschadraß (gs). Über 100 Jahre ist der Ort Zschadraß mit der Psychiatrie verwachsen. Die Heilanstalt hat das Ortsgeschehen geprägt, unterlag aber selbst ständigen Veränderungen teils durch neue Erkenntnisse der Wissenschaft, teils durch die gesellschaftliche Entwicklung. Als die Diakonie die Reste der ehemaligen Kliniken übernahm, war Aufräumen angesagt, auch auf Böden und Speichern. Unter dem Unrat nicht wenige Zeitzeugen, die die Entwicklungsphasen des Ortes dokumentieren. Damals wurde die Idee geboren, diese Stücke in einem Museum der Nachwelt zu bewahren.
Ludmila Mischke, eine der drei Damen, die vom Diakoniewerk mit der Aufarbeitung der Stücke betraut waren, knüpfte den Kontakt zu Christoph Mayer, einem an der Akademie der Künste in Berlin studierenden Meisterschüler. Der Österreicher konnte für das Projekt, eine Kombination zwischen Kunst und Museum begeistert werden.
Etwa 300 Gäste hatten die Einladung zur Eröffnung angenommen, etliche werden Zschadraß zum ersten Mal gesehen haben. Dicht gedrängt standen sie auf dem Flur des ehemaligen Verwaltungsgebäudes, viele mussten sogar auf dem Platz vor dem Haus ausharren.
Matthias Schmiedel zitierte einige der Slogans, die auf den Einladungskarten abgedruckt waren, versuchte damit auf das sensible Thema der „Geisteskrankheiten“ einzugehen: „Mein Vater starb, als ich elf Jahre alt war. Sein Bild hängt neben dem meines Bruders. Manchmal spreche ich mit ihnen. Bin ich deshalb krank? Die seelischen Sorgen unserer Mitmenschen lassen sich oft ganz einfach lindern, sprechen sie mit ihnen oder hören sie ihnen ganz einfach zu“.
Originelle Präsentation: Der österreichische Künstler Christoph Mayer stattete einen Raum der Ausstellung von der Decke bis zum Fußboden mit Spiegeln aus. Foto: Spiegel

Ebda.:

Ungewöhnlicher Spiegelblick auf 100 Jahre Zschadraßer Historie

Geteiltes Besucher-Echo auf Christoph Mayers Präsentation

Zschadraß (gs). Susanne Hahn ist von der Umsetzung der Idee begeistert. „Ich finde es toll, dass die Diakonie das Projekt in dieser Form mitgetragen hat. Es wird darüber sicher viele Diskussionen geben, es ist völlig anders als ein traditionelles Museum. Ich würde gern mit Christoph Mayer eine große Ausstellung machen.“
Renate Lippmann, Leiterin des Colditzer Museums, findet die außergewöhnliche Gestaltung des Museums gut. „Es ist gelungen, die gesamte Zschadraßer Geschichte darin aufzuarbeiten.“
Der von der Decke bis zum Fußboden komplett verspiegelte Raum mit der Installation des Gehirns hat bei Edda Hartmann den größten Eindruck hinterlassen. „Ich vermag mir nicht vorzustellen, was ein Mensch empfindet, der sich in psychischen Nöten befindet“, so die Jenaerin. „Vor allem die Dunkelheit war bedrückend.“
Gerhard Kühn, langjähriger Pfleger in Zschadraß, war allerdings enttäuscht von der Ausstellung. „Es ist viel zu wenig Bildmaterial, obwohl genügend vorhanden ist. Man muss eben mal mit den Leuten reden“, so sein Rat.
Die Dresdner Filmregisseurin Sabine Michel lobte das Projekt. „Es ist keine wissenschaftliche Arbeit mit künstlerischer Beratung. Es ist Psychiatrie- und Ortsgeschichte aus einem fremden Blickwinkel und dadurch völlig anders.“
Auch Dieter Lawonn schaute sich um. In Zschadraß aufgewachsen, hatte man ihn und seine Eltern um Mithilfe gebeten. Ehrlich gibt er zu: „Wir waren damals sehr skeptisch – Ortsgeschichte in moderner Kunst! Um so überraschter bin ich jetzt. Das Projekt ist hervorragend gelungen, alles was zu Zschadraß gehörte, findet sich wieder. Die Touristen, die Colditz besuchen, sollten auch hierher geführt werden.“

 

Leipziger Volkszeitung, 21. November 2003

Morgen in Zschadraß

Kunstprojekt wird eröffnet

Zschadraß. Das Kunst- und Museumsprojekt Zschadraß wird morgen, 16 Uhr, im Haus 15a des Diakoniewerkes eröffnet. In fünf Rauminstallationen hat der österreichische Künstler Christoph Mayer Geschichte und Wesen der Psychiatrie in ungewöhnlicher Weise verarbeitet (LVZ berichtete mehrfach). Im Anschluss an die Eröffnung gibt es ein Fest mit Kurzfilmen, Livemusik und einem kleinen Imbiss. Interessenten sind herzlich eingeladen.
www.ort-jenseits-der-strasse.de

 

Leipziger Volkszeitung, 30. November 2003

Ausstellung erhält den letzten Schliff

Kunst- und Museumsprojekt Zschadraß soll am 22. November eröffnet werden

Zschadraß (gs). Das Kunst- und Museumsprojekt zur Geschichte der Psychiatrie in Zschadraß steht kurz vor seiner Fertigstellung. Alle Räume sind nun weitestgehend so hergerichtet, dass sie den Vorstellungen des österreichischen Künstlers Christoph Mayer entsprechen. In den speziell gestalteten Schränken sind Ausstellungsstücke aus dem medizinischen Bereich, aber auch Zeitzeugen, die aus der Historie des Ortes Zschadraß und seiner Entwicklung stammen, zu sehen. Alte Filmbetrachtungskästen aus den Arztzimmern zeigen interessante Exponate der Geisteskrankheit. Dias, die Arbeiten in der Forschung und Lehre im Fachgebiet Psychiatrie belegen, dokumentieren auch den damaligen Stand der technischen Möglichkeiten.
Hier erfährt der Betrachter auch, dass das Krankheitsbild medizinisch und politisch eine völlig unterschiedliche Bewertung erfuhr, je nach herrschender Gesellschaftsform. Der humanitäre Exzess, die „Verlegung“ von über 3000 Psychiatriepatienten nach Sonnenstein, wo sie vergast wurden, lässt nachdenklich werden, wozu Menschen fähig sind. Die Zahl ist um so schockierender, da die Heilstätten Zschadraß selbst nur eine Kapazität von etwa 1000 Betten hatten.
Den größten Arbeitsaufwand verursacht die Einrichtung des Raumes mit dem Gehirn. Fußboden und Decke teils und die Wände völlig mit Spiegeln versehen, erzeugen eine scheinbare Unendlichkeit des Raumes. Inmitten werden sich die Zentren für die Funktionalität unseres menschlichen Körpers frei bewegen, jedes natürlich an seinem bekannten Platz.
Das kleine Team um Christoph Mayer arbeitet zielstrebig auf den Eröffnungstermin 22. November hin. Fachliche Unterstützung erhält es von Zschadraßer Ärzten und namhaften Experten von außerhalb. Gesucht werden aber immer noch geeignete Personen, die bereit sind, sich in das Metier einzuarbeiten und später die Führungen durch das Kunst- und Museumsprojekt zu übernehmen. Wer dafür Interesse hat, kann sich gern in Zschadraß unter Telefon 034381 / 87200 melden.

 

Leipziger Volkszeitung 28. August.2003

Vom Umgang mit dem Irresein

Ein Österreicher bereitet ein Museums- und Kunstprojekt im Klinikum Zschadraß vor

Zschadraß (gs). Die leer stehenden Erdgeschossräume im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Kliniken Zschadraß sollen künftig ein außergewöhnliches Kunstprojekt beherbergen.

Eigentlich sollte hier ein Museum entstehen. Ein kleines Grüppchen heimatgeschichtlich interessierter Leute trug erste Ausstellungsstücke zusammen, interviewte Zeitzeugen über die Historie des Ortes und vor allem der Klinik. Allen voran stand Ludmila Mischke, die das Projekt anfänglich betreute. In Berlin lernte sie während einer Ausstellung den jungen Österreicher Christoph Mayer kennen und lud ihn ein, nach Zschadraß zu kommen. Mayer, der in Wien und Berlin ein Kunststudium absolvierte, hatte allerdings andere Vorstellungen, wollte lieber eine Kombination zwischen Kunst und Museum.
Seit einem Jahr setzt Christoph Mayer nun das Projekt um. Um das notwendige Gefühl für das sensible Thema Psychiatrie zu erhalten, mischte er sich Monate lang unter Patienten, lernte ebenso das medizinische Personal kennen, berät er sich ständig mit Ärzten und Historikern. „Das Projekt wird Ort, Räume, Leute, Patienten, Geschichte und Geschichten miteinander verbinden“, sagt Mayer. „Es wird den üblichen Rahmen sprengen.“
In den fünf Räumen, die derzeit von ein paar Handwerkern hergerichtet werden, soll eine richtige Geschichte erzählt werden. In verkohlten Schränken, innen mit leuchtenden Stoffen ausgeschlagen, werden die meisten Exponate zu sehen sein, Dinge, die vornehmlich mit der geschichtlichen Entwicklung des Krankenhauses verbunden sind und alle Epochen widerspiegeln. Licht und Dias animieren zu verschiedenen Denkweisen. Ein Raum widmet sich Leben und Umgang mit dem Irresein. Die Geschichte der Psychiatrie bis zu Gegenwart. Im nächsten herrscht völlige Dunkelheit. Patienten erzählen in einer Toninstallation von ihrem Leben, ihrer Kindheit und ihren Wahnvorstellungen. Schließlich wird das Metapher Gehirn installiert, ein durch Spiegel visuell endlos scheinender Raum.
Die Affäre um den Hochstapler Gert Postl, der eineinhalb Jahre lang als Oberarzt in der Klinik tätig war, wird nicht ausgeklammert. Einen Raum mit Bibliothek und Videothek soll das Projekt abrunden. Gerade den hält Christoph Mayer für sehr wichtig. Allerdings: Dafür fehlen derzeit Mittel und die geeigneten Personen.
„Das Projekt lässt viele Freiräume in der Interpretation zu. Es hat keinen Anspruch auf die allgemein gültige Wahrheit“, macht Mayer neugierig. Im Herbst soll Eröffnung sein.

 

Leipziger Volkszeitung 30.Oktober 2002

Vom Museum im Krankenhaus zum Kunstprojekt

Installationskünstler Christoph Mayer und seine ungewöhnliche Sicht auf die Geschichte der Zschadraßer Einrichtung

Zschadraß. Mitten in einem erdroten Raum stehen schwarze Schränke, wie verkohlt sehen sie aus, mühsam gerettet aus längst vergangenen Zeiten. Eine zaghafte Hand öffnet eines der Relikte, und plötzlich ertönt aus seinem Inneren eine Sendung von Radio Zschadraß. In einem anderen Schrank finden sich Fotos aus den Anfangszeiten der Psychiatrie, in einem dritten Dokumente über Menschen, die aus Zschadraß nach Sonnenstein geschafft und dort vergast wurden...- Stück für Stück, Tür für Tür könnte sich dem Betrachter so die facettenreiche Geschichte des Krankenhauses eröffnen...
...wenn das Projekt „Geschichte-Medizin-Kunst“ des Installationskünstlers Christoph Mayer umgesetzt wird. Bislang existiert es erst als Modell und wurde jetzt beim 3. Zschadraßer Museumstreff erstmals einem kleinen Kreis vorgestellt. Und der zeigte sich durchweg begeistert von der Idee und billigte damit zugleich die Abkehr von der ursprünglichen Vorstellung, die Geschichte de Krankenhauses in einem Museum zu bewahren.
„Wir wollten zusammentragen und aufarbeiten, was durch die Wirren der Zeit verloren gegangen ist“, rekapitulierte Ludmila Mischke vom Kulturprojekt Zschadraß zunächst den Werdegang. „Wir inspizierten Keller, Dachböden und verlassene Häuser auf dem Gelände, durchsuchten Archive und Bibliotheken, knüpften Kontakte zu anderen Museen, Institutionen und Privatpersonen, entwarfen Konzepte und kämpften um Fördermittel.“ Dabei kamen unter anderem Leuchter und Kreuze aus der Kirche zutage, medizinische Apparate, Tagebücher von Patienten. Besonders berührt hätten ihn Listen, in denen Zwangsarbeiterinnen aus der ehemaligen Sowjetunion verzeichnet waren – „mit Namen und wer bei wem wie viel Pfennige verdient hat“, warf der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Zschadraß, Christoph Fischer, ein. Im Museum Colditz entdeckte man Texte, die über Rundfunk Zschadraß gesendet wurden. Besonders interessant seien Gespräche mit Zeitzeugen gewesen – die Tonbandprotokolle, „lebendige Geschichte“, füllen nun einen dicken Ordner, „Irgendwann aber haben wir festgestellt, wir werden uns bald nicht von einem konventionellen Museum unterscheiden. –Noch eines!“, beschrieb Ludmila Mischke den Beginn des Umdenkens, dem die Begegnung mit Christoph Mayer, einem jungen Künstler aus Wien und derzeit Meisterschüler an der Hochschule der Künste Berlin, die entscheidende Wende gab: weg vom Projekt Museum, hin zum Kunstprojekt.
„Mich interessieren die menschliche Existenz, der Raum, in dem wir leben, was mit unserem Geist passiert“, erklärte Christoph Mayer und verwies auf bereits erfolgreiche Ausstellungen – u.a. in Spanien und England -, Mischungen aus Installationskunst und Performance. Das Vorhaben in Zschadraß sei schwierig, aber trotzdem habe er sich entschlossen es anzugehen. Über ein Praktikum in der Psychiatrie versuchte er, sich dem Thema zu nähern. Entstanden sind – wie gesagt noch im Modell – insgesamt fünf Räume, die den Betrachter von der Vergangenheit in die Gegenwart führen. Dabei sollen über den bewusst sparsamen Umgang mit Fotos, Dokumenten und Gegenständen – auch mit solchen, die eher Unbehagen wecken – Denkanstöße gegeben werden. Der Gang durch die Geschichte erfährt seinen Höhepunkt, wenn der Betrachter ihm die Grenzenlosigkeit des Gehirns symbolisierenden Spiegelzimmer auch mit dem eigenen Selbst konfrontiert wird. Untergebracht werden soll das Ganze im Gebäude 15A, wo Räume bereits zur Verfügung stehen. In einem Postfach –wo sonst? – auf dem Gang davor soll übrigens Platz für eine Auseinandersetzung mit dem falschen Arzt von Zschadraß, Gerd Postel, sein, denn auch er ist Teil der Geschichte.
„Ich bin überwältigt, in welcher Intensität er sich auf Ort und Thema eingelassen hat“, lobte nach der Präsentation Christoph Fischer. „Das wird ein echtes Erlebnis“, zeigte sich eine Zuhörerin überzeugt, und eine andere meinte: „Es wäre schön, wenn das Projekt dazu beitragen würde, dass das Bild von Zschadraß als der ,Klapse’ aus den Köpfen verschwindet. “Angetan auch Bürgermeister Matthias Schmiedel: „Wir wollen hier medizinische Weiterbildung machen, und das Projekt passt sich in dieses Konzept ein.“ – Das war fast mehr Zustimmung, als Ludmila Mischke vom Kulturprojekt zu hoffen gewagt hatte. „Christoph Mayer wird das Projekt mit den dazugehörigen Stolpersteinen verwirklichen“, zeigte sie sich überzeugt. Die dürften vor allem finanzieller Art sein, immerhin bewegt sich der Finanzbedarf im höheren fünfstelligen Bereich. Der 27-Jährige berichtete indes voller Hoffnung, dass die Bundeskulturstiftung aufmerksam geworden sei, verhehlte aber nicht, dass man wohl auch auf Sponsoren angewiesen sein werde. Relativ sicher scheint zumindest eine Zuwendung über den Kulturraum. „Wir begleiten das Projekt seit einem halben Jahr, haben kräftig dafür geworben und eine Förderung für 2003 beantragt“, sagte Ingrid Feldner, Kulturamtsleiterin im Landratsamt. Am 18. November werde der Konvent darüber entscheiden, „und wir erwarten eine Zustimmung“, ist sie optimistisch. Wenn die Voraussetzungen gegeben sind, könnte Christoph Mayer im Frühjahr mit der Verwirklichung seiner Idee beginnen.
Ines Alekowa

 

Leipziger Volkszeitung 24. Juni 2003

Kurzfilme regten zur Diskussion mit Regisseurin Sabine Michel und Drehbuchautor Thomas Wendrich an

Junge Filmemacher auf „Streifenzug“ in Zschadraß

Zschadraß. Seit einigen Wochen bemüht sich der österreichische Kunststudent Christoph Mayer Chm. In Zschadraß, den Ort für die Kunst sensibel zu machen. In Wien, wo er studierte, hat er schon mit einer außergewöhnlichen Ausstellung auf sich aufmerksam gemacht. Nun ist Zschadraß zwar nicht Wien, aber es hat ihn doch gereizt, sein nächstes Projekt hier umzusetzen und nicht, wie man ihm auch anbot, in London.
Jetzt hatte er zu einer Vorführung von drei Kurzfilmen nach Zschadraß eingeladen. Alle drei spielen im ehemaligen DDR-Energieland, der Lausitz. Damals Standbein der DDR-Industrie ist es heute zu einem Landstrich scheinbar ohne Perspektive geworden. Im ersten Film, „Amazona“ ist die triste Mondlandschaft der ehemaligen Braunkohletagebaue zu sehen, trotzdem versuchen junge Leute unter primitivsten Bedingungen „ein neues Lied“ mit ihrem Fanfarenzug einzuüben. Viele Fragen bleibenoffen: für wen überhaupt, wofür? Der zweite Film machte die heutige Situation noch deutlicher. Durchs karge Lausitzer Land fährt ein „Wessi“, er hat diesen Landstrich gekauft. „In zwei Tagen gehört das alles mir“, so seine Überzeugung. Die Besitzer des verfallenen Hofes sind schon beim Packen. Auf die Frage des Kindes, „müssen wir jetzt wirklich weg“, kommt die Antwort der alten Frau: „ja, ich glaube diesmal schon“. Doch der neue Besitzer hat aus einem Schwarm eine Ente geschossen und die fällt ausgerechnet auf jenen Hof. Als er „sein“ Eigentum holen will, lässt man ihn spüren, dass man nicht kampflos das Revier räumt. Dann muss er zudem noch erkennen, dass die Bremsen seines Autos manipuliert wurden, doch zu spät, das Auto rast gegen einen Baum. Diese Geschichte könnte sich im Osten Deutschlands nach der Wende auch an manch anderen Ort verlegen lassen. Unter den Gästen der Filmpräsentation saßen auch die Filmemacher selbst, die junge Sabine Michel (Regie) und ihr gleichaltriger Freund Thomas Wendrich (Drehbuch). Beide aus Dresden stammend, früher in die gleiche Schule gegangen, sind durch Zufall auf die Lausitz gestoßen und wie Sabine Michel es sagte, haben sich „in sie verliebt“. Ihr Kinoprojekt „Nimm dir dein Leben“, zu dem auch „Hinten scheißt die Ente“ gehört, wurde auf der Berlinale 2002 mit dem Bundesfilmpreis für Drehbücher ausgezeichnet.
Im kleinen Kreis wurde nach der Veranstaltung über die Filme diskutiert. „Wir sind gern hierher gekommen“, sagte Sabine lächelnd, „es hat einfach Spaß gemacht.“
Christoph Mayer Chm. indessen schweben schon die nächsten Projekte vor.
Günther Spiegel

 

 

Leipziger Volkszeitung 12. April 2001

Die Kosaken und das Museum – Zschadraß hat viel vor

Die Diakonie Zschadraß wird zu einem soziokulturellem Ort für Jedermann

Zschadraß. In der Diakonie von Zschadraß weht ein frischer Wind. Mit Hilfe von Investitionen soll der Gesundheitsbereich verbessert werden. Ein Teil der Gelder soll aber auch für die Auffrischung vergangener kultureller Traditionen verwendet werden. Dazu richtete die Klinik zwei ABM-Stellen, mit dem Ziel des Aufbaus eines soziokulturellen Zentrums, ein. Ludmila Mischke und Karin Schaake sind seid Dezember dabei und haben bereits einige Pläne für dieses Jahr vorliegen(LVZ berichtete).

Der erste Schritt wurde bereits getan. Das große Ziel für 2001 ist die Einrichtung eines Museums in den Räumen der Diakonie, Mittlerweile sind bereits zwei Museumstreffen vergangen, und das geplante Museum nimmt immer mehr Gestalt an. Der Geschäftsführer der Diakonie, Christoph Fischer, sowie Bürgermeister Matthias Schmiedel und Anwohner der Stadt waren zum zweiten Treff gekommen, um sich mit Ludmila Mischke und Karin Schaake über den Stand der Dinge zu unterhalten. Mit viel Freude konnte Ludmila Mischke über eine Schenkung von Glasvitrinen und Glasplatten des Leipziger Grassi -Museums berichten. Außerdem hat der Restaurator der Leipziger Einrichtung seine Hilfe zum Aufbau des geplanten Museums zugesagt.
Man wurde aber auch selber fündig. Die Dächer und die Böden der Diakonie wurden durchsucht und allerhand interessante Sachen entdeckt. „Am Besten sind die großformatigen Diapositive, welche Anfang des letzten Jahrhunderts entstanden sind“, erzählt Ludmila Mischke. Frau Gasch aus Zöllwitz brachte Hüte, Schürzen, Schuhe, Taschen und Nähkästchen von ihrer Mutter als Schenkung für das Museum mit. Diese Stücke sollen unter der Rubrik „Sammelsurium“ ausgestellt werden. Erhardt Schneider steuerte alte Fotos und Geschichten aus seiner Jugend bei.
Nachdem sich schon einiges angesammelt hat, stehen nun auch die Räumlichkeiten fest. Das Museum kommt in das Verwaltungshaus 15A, 1. Etage, linke Seite. Hier wurden sechs Räume für das Museum zur Verfügung gestellt.
„Wir wollen dieses Jahr mit der Museumseröffnung und einigen Veranstaltungen nach langer Ruhepause wieder den Anfang machen. Nächstes Jahr würden wir und freuen, wenn es uns gelingt, monatliche Veranstaltungen anbieten zu können“, berichtet Ludmila Mischke. Geplant sind Akkordeonabende und Lesungen. Alles unter dem Motto: „Die Kunst der kleinen Form“. Den Höhepunkt und zugleich Auftakt in diesem Jahr bildet das Konzert des Schwarzmeer-Kosaken-Chores. Das Konzert findet am 10. Mai um 19.30 Uhr im Festsaal der Diakonie Zschadraß statt. Der Kartenverkauf ist bereits voll im Gang, und man erhofft sich an die 200 Gäste. Das Angebot runden zwei Tanzveranstaltungen am 2. Juni und 3. November ab. „Vieleicht schaffen wir es dieses Jahr auch noch, Filmveranstaltungen in unser Programm zu bringen. Aber das Wichtigste sind die Museumseröffnung und das Konzert“, erklärt Ludmila Mischke.
A. Stegmann

 

 

 

 

 

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