Publik Forum Nr. 23 / 2003

Projekte & Modelle

Spaziergang durchs Gehirn

Boden, Wände und Decken sind vollständig verspiegelt im zentralen Raum des neu eröffneten >>Kunst + Museumsprojekts Zschadraß<<. Im Raum hängen an einem Mobile transparente Karten von Hirnströmen und große metallenen Formen, die Umrisse von Hirnarealen nachbilden. Der Blick des Besuchers findet in dem Spiegelkabinett keinen Halt, die Perspektiven brechen und vervielfachen sich ins Unendliche.

Die Verwirrung ist beabsichtigt. >>Der Besucher soll sich wie im Innern eines Gehirns fühlen<<, meint Christoph Mayer. Der Künstler gestaltete die Räume des Museums. Immer noch gebe das Hirn der Wissenschaft zahlreiche Rätsel auf. In der ehemaligen Spezialklinik für Tuberkulose, Lungen- und psychische Krankheiten in Sachsen unternimmt Mayer den vielversprechenden Versuch, die Geschichte der Anstalt nicht nur historisch zu dokumentieren, sondern auch erfahrbar zu machen. Hierzu appelliert das Museum an den Intellekt, das Auge und das Ohr des Besuchers.

Der >>Hürdenlauf<< beginnt mit verkohlten Vitrinen, in denen Akten und Verwaltungsschreiben die bedrückende Vergangenheit der Anstalt schildern. Diente Zschadraß doch im Nationalsozialismus als Durchgangslager in die Gaskammern und zur Vorbereitung der Zwangssterilisation von für unzurechnungsfähig gehaltenen Patienten. Der nächste Raum ist von sehr hellem weißen Licht erleuchtet. Hier zeigt das Museum in Schaukästen Schemata und Diagramme von Patienten der Lungen- und Tuberkuloseklinik, zu der Zschadraß nach 1950 wurde. Dann konzentriert sich der Besucher in einem >>Meine Sprache, mein Geist<< betitelten Zimmer ganz auf die aus Lautsprechern zu ihm dringenden Stimmen. In dem völlig verdunkelten Raum erzählten Patienten ihre Geschichte, schildern die Welt aus ihrer Perspektive. Den Abschluss bildet das verspiegelte >>Gehirn<<. Die künstlerisch gestalteten Räume ergänzt ein Archiv, das die um 1880 beginnende, wechselvolle Geschichte der Anstalt aufblättert.

Gegenwärtig ist die Klinik auf einen Stamm von rund 120 psychiatrischen Patienten geschrumpft, was für den angrenzenden Ort Zschadraß einen herben Einschnitt bedeutet. Denn die vormals mit über 1000 Patienten belegte Lungen- und Tuberkuloseklinik war ein bedeutender Arbeitgeber. Mit dem experimentell gestalteten Museum hofft der Betreiber, das Diakoniewerk Zschadraß, auch überregional Aufmerksamkeit zu erregen und neue Perspektiven in die Heilanstalt zu bringen. Der große Besucherstrom am Eröffnungstag spricht für ein Gelingen des Versuchs.

Richard Rabensaat

 

 

 

 

 

 

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