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Sächsische Zeitung, 12. August 2004

Man muss einfach nur heulen

Das Museum Zschadraß zeigt die Wissenschaft der Psychiatrie mit Mitteln der Kunst
Von Valeria Heintges

Vor der knallroten Wand ein schwarzer Schrank. Wie verkohlt sieht er aus und ist kreuz und quer mit weißen Binden umwickelt. „Für mich symbolisiert dieser Schrank das Leben unserer Patienten. Gemeinsam versuchen wir, das Chaos in ihm herauszuholen und ihn neu wieder zu ordnen“, erklärt Christoph Fischer, Geschäftsführer des Diakoniewerkes Zschadraß, die auch das Fachkrankenhaus für Psychiatrie/Psychotherapie und Neurologie unterhält und für das Kunst und Museumsprojekt Zschadraß zuständig ist.

Die verkohlten Schränke stehen im ersten Raum. Aus einem zweiten ertönt knisternd eine männliche Stimme: „Liebe Patientinnen und Patienten! Radio Zschadraß wünscht Ihnen einen recht herzlichen guten Morgen!“ Seit 1952 existierte in der Klinik ein eigener Radiosender, den die Patienten auf ihren Zimmern empfangen konnten. Kopfhörer liegen in den Schrankregalen, daneben Fotos vom Karneval und von der Blaskapelle.

Ein Mann käme von Ungarn, der alle töten will

Ein dritter Schrank beherbergt Krankenakten. Die Patientin, heißt es da, „hat der Wache gegenüber geäußert, dass ein Mann von Ungarn käme, der alle im Heim Untergebrachten durch Betäubung töten wolle“. Man habe ihre „Unfruchtbarmachung beantragt“ – da die Nationalsozialisten glaubten, psychische Krankheiten seien vererbbar, wollten sie kommende Generationen „schützen“. Deshalb wurden, so die nüchternen Zahlen, 1 482 Patienten aus Zschadraß zwangssterilisiert. Und 3 515 „in ein anderes Lager verlegt“. Das heißt: auf dem Pirnaer Sonnenstein vergast.

„Ort jenseits der Straße“ hat der Wiener Künstler Christoph Mayer die Ausstellung genannt, die sich mit der Psychiatrieklinik Zschadraß, ihrer Geschichte und Gegenwart auseinander setzt. Das Rohkonzept entwarf er noch auf einer Papierserviette in der Kantine des Hospitals. Die Feinplanung hingegen entstand während eines viermonatigen Aufenthalts in der Klinik. „Einen Monat habe ich als Freizeittherapeut mit Patienten verbracht“, sagt Mayer. Während der Zeit in der Klinik wuchs in Mayer der Wunsch, seine Ausstellung möge sich nicht nur an das „spezifische Kunstpublikum“ richten, sondern vor allem den Menschen der Umgebung etwas von ihrer Klinik erzählen. „Mich reizte vor allem die Begegnung des klaren, strukturierten Denkens der Wissenschaftler mit dem offenen, freien Denken der Künstler.“

Fünf Rauminstallationen sollen die Wissenschaft künstlerisch erlebbar machen. Sie fordern die Mitarbeit der Besucher, die sich nicht nur auf den passiven Standpunkt des Betrachters zurückziehen können, sondern aktiv gefordert sind. Im zweiten Raum, der in aseptisches Weiß getaucht ist, lädt eine Liege zum Meditieren ein. Wer sich darauf niederlässt, betrachtet eine zweite Liege, die verkehrt herum an der Wand hängt. „Wie spüren Sie Ihr Gen?“, steht mit krakeliger Handschrift darauf. Und: „Ab wann funktioniert ein Mensch?“ oder „Warum ist mein eigenes Böses nicht hier?“

Auch der nächste Raum lässt dem Besucher viel Platz für eigene Gedanken: Während kurze Texte einen Abriss über die teilweise recht grausame Geschichte der Psychiatrie geben, läuft ein Video eines ganz normalen Abendessens in Familie: Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Die Kinder zappeln, der Vater schenkt sich ständig Tee nach, die Mutter macht einen hochgenervten Eindruck. Der ganze normale Wahnsinn?

Es sind Gefühle, als ob man irgendwie schwebt

Nur zögernd gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Später erkennt man vier Korbsessel, die ein Licht schwach erhellt. „Das sind Gefühle, als wenn man in eine andere Welt versinkt.“ Nüchtern und sachlich kommt die weibliche Stimme aus dem Lautsprecher: „Es sind Gefühle, als ob man irgendwie schwebt oder bald stirbt. Man muss heulen, man muss einfach nur heulen, warum weiß man nicht.“ Kurze Stille. Dann der nächste Patient: „Meine Eltern haben sich gegenseitig aufgerieben, und ich hab mehr und mehr drunter gelitten. Das ist Jahr für Jahr schlimmer geworden und hat dann auch einmal zu einem Suizidversuch geführt. Da hat meine Mutter verhindert, dass ich in eine psychiatrische Klinik komme. Das war der peinlich.“ Die Gedanken schwingen wie der Korbsessel in der Luft herum. Der letzte Raum ein Spiegelkabinett, „Metapher Gehirn“. Ein Gewirr transparenter Plastikschnüre symbolisiert die Nervenleitungen im Kopf. Sie ziehen sich blinkend von links nach rechts. Die Spiegelungen lassen nicht nur die Gedanken schwanken. Den sicheren Boden der Normalität erreicht man mit einem Schritt – hinaus auf den Flur.

Kunst + Museumsprojekt Zschadraß, Im Park 15 a, 04680 Zschadraß. Geöffnet: Mittwoch 13 - 17 Uhr und nach Vereinbarung. Tel.034381 / 87403

Wissenschaft trifft Kunst: In der Ausstellung „Ort jenseits der Straße“ erzählt der Wiener Christoph Mayer die Geschichte der Klinik Zschadraß mit ungewöhnlichen Mitteln wie hier im Raum „Metapher Gehirn“. Foto: Torsten Seidel

 

 

SZ (Sächsische Zeitung), Januar 2004

Gang durchs Gehirn

Tastend bewegt sich Nadine durch einen voll verspiegelten Raum mit einer künstlerischen Darstellung des menschlichen Gehirns. Die Installation ist Teil eines ungewöhnlichen Museums im Diakoniewerk Zschadraß bei Colditz. Der österreichische Künstler Christoph Mayer richtete die Dauerausstellung mit fünf Rauminstallationen an dem medizinischen Traditionsstandort ein. Für Besucher ist die Schau Mittwochnachmittag oder nach Anmeldung geöffnet (Telefon 034381 / 87403). Foto: SZ/Thomas Lehmann

 

 

 

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